WENN ICH ZU VIEL BIN

Gestern sagte ein inzwischen guter Freund mit einem Augenzwinkern:“Du bist wie eine Dreizehnjährige im Körper einer Zweinunddreißigjährigen.“

Na das saß.

Erst war ich belustigt, dann ein wenig beleidigt („Ich sehe aus wie 32?!“) und schließlich dachte ich nach. Eigentlich war es doch eher ein stundenlanges Grübeln.

Wenn ich Zeit mit meiner Familie verbringe, den Omas und Opas, Tanten und Verwandten, bemühe ich mich oftmals erwachsen zu wirken. Ich strahle vermutlich immer das ganze Gegenteil aus. Unsicherheit, wo Lebenserfahrung aufwarten sollte und statt Souveränität auszustrahlen, wirke ich allerhöchstens etwas plump.

So geht es mir in mancherlei Situation. Vor den strengen ErzieherInnen meines Kindes beispielsweise. Ich fühle mich in deren Augen wie eine Heuchlerin („Da kommt die junge Mutter, die schon wieder einen neuen Partner hat…“).

Dann gibt es diese Momente auf Arbeit. Manchmal habe ich Sternstunden und bin tough, mutig und forsch. Ich gebe mich stark und eloquent. Habe keine Lust mich unterkriegen zu lassen und wohlmöglich eigene Werte und Authentizität aufzugeben. Auf jeden mag das anders wirken. Einige finden mich sicherlich nervig und andere halten mich für die ideale Wadenbeißerin. Für ihre und eigene Belange. Sozial und gerecht.

Meinen Kindern gegenüber bin ich verspielt und weich, dann aber wieder streng und natürlich auch gestresst, je nach Tag im Monat und Situation. Ich muss ihnen ein Vorbild sein und arbeite hart daran Wünsche zu erfüllen, aber gleichzeitig Realität zu schaffen. Wir sind nicht reich, wir sind nicht arm, ich bin alleine, aber nicht einsam. Sie müssen von mir lernen und dafür sollte ich mich nicht aufführen wie eine egoistische Ziege oder ein kleines Kind. Ich bin eben doch erwachsen.

Wieso also sagt dieser Freund das zu mir?

Ich hatte Quatsch erzählt. Lebhaft und originell eine Geschichte verpackt die so zwar geschehen war, aber mit Humor einfach noch eine Spur lustiger klang. Ich hatte dabei wie ein Maschinengewehr geplappert und wild gestikuliert. Ich hatte dabei gelacht und vermutlich auch überdreht gewirkt. So bin ich nämlich auch manchmal.

Vorschnell. Impulsiv. Etwas makaber oder zynisch. Ich bin alles und nichts. Ich bin menschlich und nicht zu fein es zu zeigen. Mit mir gibt es selten leise Momente. In einer Beziehung vielleicht schon. Oder wenn ich ganz alleine liege und in mich hineinfühle. Dazwischen wirbel ich wie der Wind alles auf. Muss ich auch.

Ich habe bis neun bereits das Bad geputzt, Kaffee getrunken, Frühstück gemacht für alle und Wäsche gewaschen. Der Abwasch ist weggeräumt und die Katze schnurrt zufrieden nach Fütterung und Bespaßung. Meine Energie reicht für uns alle hier. Für meinen Job, meine Ausbildung, meine Kinder und den Kater. Für meine Verwandte, meine besten Freundinnen und meine alleinerziehende Nachbarin. Für die depressiven Freunde und den unschlüssigen Ex. Für Geburtstage an fast jedem Wochenende und Klausuren in so manchen Monaten. Für eine Zukunft von der ich träume und ein paar Urlauben im Jahr.

Ich bin die dreizehnjährige Frau. Mag sein.

Ich bin sie wohl gerne, denn das innere Kind zu bewahren, in einer Zeit in der so viele Erwartungen und hoher Druck auf Erwachsenen liegt, ist gar nicht leicht.

Ohne diesen Teenager in mir, würde ich unter der Last schnell zerbrechen. Mein Tag wäre nicht so leicht und lustig und ich hätte kaum Lust auch nur einen Handschlag mehr zu rühren. Dieses Kind in mir, ist der Grund, weshalb alle anderen sein dürfen wie sie sind (es sei denn sie sind Arschlöcher) und ich nichts von ihnen erwarte. Ich bin frei. Ich bin auf meine Weise erwachsen geworden.

4 Kommentare zu „WENN ICH ZU VIEL BIN

  1. Klingt gut! Und mit zunehmenden Alter, stellt man fest, dass das Innere ein anderes Alter als das Äussere hat und das es vielen so geht. So lange der Teenager nicht die Regie übernimmt ist doch alles gut.

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