KEINE MUSE

Vielleicht war es ehemals eine große Ehre der Frau, für Männer, die großen wie so oft die kleinen, eine Inspiration und Quelle ihres Schaffens zu sein.

Sie zu beflügeln. Ihnen Auftrieb zu geben. Ihre Werke zu beeinflussen und ihnen zu Glanz zu verhelfen, wo sonst nur pure Stumpfheit lauerte.

Uns wurde gesagt, eine Muse würde nicht bloß am Rand des Konzertes stehen, sondern durch die Lippen, über die Zunge, den Geist des Musikers von einem bloßen Interpreten zu einem wahren Künstler, lebendig werden. Etwas Besonderes. Etwas Einmaliges.

Schriftsteller ergötzten sich an der Pracht der Dramen, geschaffen durch den Kuss der Damen.

Maler führten ihre Pinsel über Körper wie über Leinwände und große Wissenschaftler ließen sich zu höherem berufen, wenn das Flüstern im Ohr ihnen Größe, Entwicklung und Ruhm versprach.

Ungeachtet blieb die Muse jedoch immer hinter dem Schaffer zurück. Als eben doch jene Randfigur, die zwar aus jeder Zeile sprach, aber gesichtslos für eben die blieb, die sich blenden lassen wollten. Die nie fragten welche Geschichte hinter der Ballade oder dem Roman zu stecken schien und in Projektion ihr eigenes Ich an Stelle derer setzten, die tatsächlich den Löwenanteil hinter dem Erfolg trugen.

Wer heute noch eine Muse sein möchte, hat nicht verstanden wie wenig Anerkennung diese Frauen zweiter Reihe einnahmen.

Musen sind nicht die Frauen die man(n) heiratet. Sie sind nicht die Mütter ihrer Kinder. Nicht die Namen auf der Danksagung im Klappentext. Sie sind unsichtbare Fremde. Nähe fand nur im Austausch zwischen Schaffer und Muse statt. Das Produkt bleibt ihr vorenthalten, wie seine Wertschätzung und Liebe.

Wer sich damit abfinden kann so austauschbar zu sein wie ein Sommer, so flüchtig wie der Flug eines Schmetterlings, der mag sich in dieser Rolle wohlfühlen. Zu wissen, der Preis ist die Sichtbarkeit, aber ein Geschenk ist es um die eigene, kleine Macht für den Moment zu wissen, in der der Schaffende sich von der Muse küssen ließ.

Wer eine Muse hatte, wird sie wohlmöglich nie mehr vergessen. Der Erfolg erinnert immer und immer wieder an dieses Fabelwesen. An die gemeinsame Zeit und die unsichtbare Verbindung.

Wer eine Muse war, wird wohlmöglich nur von dem gesehen, der sich ihrer bedient. Vielleicht nicht genug, vielleicht aber auch vollkommen ausreichend.

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