ICH UND NOCH DREI ANDERE IN MIR

Als Kind konnte ich mich unteranderem deshalb stundenlang mit mir selbst beschäftigen, weil in meinem Kopf Zwiegespräche möglich waren. Wir waren da dann manchmal zu dritt oder viert.

Eine etwas ängstlichere Version von mir, ein frecher Junge meist noch dabei und manchmal ein Mädchen, die ich mir mit braunem Schopf und im Stil der ruhigen guten Seele ausmalte.

Wir unterhielten uns stundenlang im Spiel mit meinem Cowboys, Barbie-Puppen und Bauklötzen. So wurde mir nicht so langweilig und ich fühlte mich weniger einsam, wenn meine Eltern mich ins Zimmer schickten. Da saß ich scheinbar recht oft und sehr lange, denn diese festen Figuren meiner Kindheit sind auch heute noch Teil meiner Persönlichkeit.

Wenn ich mir eine Frage stelle, die gerade einfach kein anderer beantworten kann, gehe ich in mich. Da sitzen sie wie um ein Lagerfeuer und sind nicht gealtert. Meine Freunde aus der Vergangenheit. Sie geben mal mehr oder weniger gute Tipps und eigentlich sondieren sie nur die Lage, bis ich bereit bin meine eigene Entscheidung zu treffen.

Weil ich nicht sicher bin, ob andere Menschen ebenso mit sich in Verhandlung treten, habe ich bisher niemanden davon erzählt, aber meine damalige Therapeutin hat genau dieses Spiel mit mir im Therapiezimmer durchgespielt. Ich sollte mir Stühle aufstellen, so viele wie Meinungen in meinem Kopf vertreten waren.

Da war dann meist einer Stellvertreter meiner Wut, einer stand für meine Sorgen und Bedenken und einer war sowas wie die Hoffnung und der Inbegriff des Dazwischen.

Also setzte ich mich abwechselnd auf diese Stühle und trug vor was wer zu dem Thema der aktuellen Stunde beizutragen hatte. Es war hochinteressant wie die Gedanken und damit meine Position hin und her flitzten.

Nun sind diese unterschiedlichen Stimmen für oder gegen eine Sache vermutlich nicht so ungewöhnlich. Manche würden sie als Engel oder Teufel auf ihrer Schulter symbolisieren und wieder andere als kleine Grille die ihr Gewissen darstellt. Meine waren eben drei Kids die nie müde wurden mir ihre Empfindungen mitzuteilen.

Natürlich wäre es leichter sie zu einer Person werden zu lassen. Sie könnten aussehen wie ich, ich könnte akzeptieren, dass ich all diese Persönlichkeiten sei und sie zu einem Brei vermischen.

Aber vermutlich würde ich die Gespräche vermissen. Den Austausch, während wir nachts durch die Straßen laufen und sie mir Mut machen. Unsere gemeinsamen Geschichten. Ihre mir vertrauten Gesichter.

Sie sind das berühmte Kind in mir und weil ich damals mehr als nur einen Vertrauten und mehr als nur eine starke Persönlichkeit brauchen konnte, erschaffte ich mir drei.

Heute brauche ich sie noch hin und wieder. Erwachsen zu sein, ist eben auch nicht immer leicht.

2 Kommentare zu „ICH UND NOCH DREI ANDERE IN MIR

  1. Klingt nach inneren Reichtum, das freut mich für dich!

    Mir sind sie nicht fremd, diese vielen Stimmen in mir. Da gibt es den kleinen Hävelmann, den der gute alte Mond nicht schnell genug schaukeln konnte. Den Kaufmann, der kalt berechnend die geliehene Materie verwaltet. Den Manipulator, der den Rest der Welt vom eigenen Vorteil überzeugen möchte. Neu hinzugekommen in den letzten zwei Jahrzehnten sind der Gläubige, der sich auf seine Intuition und sein Bauchgefühl verlässt, der Mystiker, der hinter allem einen Sinn vermutet, der Liebende, der sich nicht mehr vom sowohl-als auch des Verstandes täuschen lässt.

    Danke für die Anregung & Grüße!

    Gefällt 1 Person

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