VERZICHTEN UND ENTZUGSER-SCHEINUNGEN

Seit knapp zwei Monaten lebe ich wieder shoppingfrei.

Ich kaufe Nahrung und ab und an Kosmetikartikel, aber weder Spielsachen für die Kinder, noch Klamotten für mich. Wir haben alles. Unsere Schränke platzen aus den Nähten und was noch viel wichtiger ist: mein Gehalt deckt gerade die Miete und das tägliche Überleben.

Wenn ich also wie einst fröhlich über die Shoppingangebote diverser Internetseiten schweben will, beiße ich mir in die Faust und bleibe stark.

Habe ich sonst immer mal geschaut was momentan Trend und noch nicht Teil meines Kleiderschranks war, sehe ich mich heute höchstens noch gezielt auf Instagram danach um, meine Kleidung gekonnt neu zu kombinieren.

Hundert Tage soll dieser Spuk andauern und ich weiß aus viel Konsequenz und Willensstärke, wird irgendwann endlich Gewohnheit.

Es ist dennoch nicht leicht sich als moderne Großstädterin dem einzigen Vergnügen zu entziehen, welches als Alleinerziehende und einem Job ohne Zeit bleibt. Alles kostet Geld. Alles will bezahlt werden. Da hilft es, wenn man sich ab und an den Luxus eines Billigshirts oder eines Schnäppchenkleides gönnt. Wirklich?

Eigentlich ist das wie jede andere Droge. Manche Leute rauchen, wenn ihnen langweilig ist und andere nehmen Drogen, wenn das Leben sie zu stark in Anspruch nimmt. Wieder andere setzen sich permanent auf Diät und machen Sport und dann gibt es da noch die Sexsüchtigen. Ich shoppe einfach gerne. Es fühlt sich an wie ein Kurzurlaub. Wie eine Alltagsflucht. Ein Geschenk von mir an mich. Niemand soll mir das nette Paar Schuhe bezahlen und ich nehme keine Geschenke an, aber wenn ich etwas aus eigener Kraft und dem eigenen Portemonnaie bezahlen kann, bin ich stolz und fühle mich schön.

Was es natürlich schwerer macht zu verzichten. Sich zu sagen „Du hast alles und anderswo wären die Damen neidisch auf so viel Kram!“. Es ist umweltschädlich und irgendwo auf der Welt müssen kleine Kinderhände meine Jeans färben, meine Röcke nähen und meinen lächerlichen Betrag von 20 Euro pro Ware zu einem Euro Gewinn werden lassen. Schönen Dank! Ich glaube, es sollte mir also egal sein, wie sich mein Leben anfühlen kann, wenn ich wieder mit der Mode gehe und sich mein Umfeld anerkennend nach mir umdreht. Ich erkenne mich an, ob im alten Fummel oder mausgrauen Pullover. Weder brauche ich andere von mir durch guten Geschmack zu überzeugen, noch möchte ich verantwortlich für den Kapitalismus dieser Zeit sein. Ich bin das Problem. Auch wenn nur eines von vielen.

Es ist nicht leicht für mich das schöne Gefühl aufzugeben. Diesen Moment der Freude. Aber es ist eben auch tatsächlich nicht mehr als das. Ein Moment. Ein sehr kurzer noch dazu. Hundert Tage, vielleicht sogar mehr, erfreue ich mich intensiver und wahrhaftiger an etwas, ohne Schaden anzurichten oder auf etwas tatsächlich Bedeutungsvolles zu verzichten.

Dafür nehme ich diesen kurzen Entzug gerne in Kauf. Ach nee, ich verzichte auf das Wort „Kauf“. Ich nehme auch lieber nichts mehr. Mehr….ach verdammte Axt, überall ein Trigger!

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