EINHEITSBREI

Ich bin ein Kind des Ostens. Noch genau zwei Jahre habe ich in der ehemaligen DDR gelebt und erinnere mich wirklich an nichts mehr. Weder an die Regelung vor unserer Kaufhalle, heute Supermarkt, im Kinderwagen warten zu müssen (wurde nach Babyklauskandal überdacht), noch an die Nacht des Mauerfalls.

Ich erinnere mich an Windpocken, die wohl genau zu dieser Zeit eine Rolle gespielt haben und ich erinnere mich an mein erstes Überraschungsei (dieser Geruch!) und ein aus dem Westen geschenkter Muff, den ich damals geliebt und gehasst zugleich habe.

Ich weiß noch, wie die Umgebung aus der ich kam langsam immer schöner wurde. Aus plattem Land wurden Plattenbauten. Aus alten Wohnungen, Neubaublöcke. Ich erinnere mich an den Duft nach Ofen und Räucherware in Leipzig und an den ersten Besuch einer Wohnung mit Teppichboden.

Ich weiß noch, wie eine ältere Dame aus dem Hochhaus in dem ich wohnte, sprang, weil sie Angst vor der Zukunft hatte und nur wenige Jahre später taten es ihr weitere Rentner nach.

Ich weiß noch, wie meine Mutter mir Geld für den Cola-Automaten gab und ich wie selbstverständlich morgens auf ihrer Arbeit, in einem Altersheim, Trickfilme schauen konnte, die Zeit meines Lebens bis dahin nie eine Rolle gespielt hatten. Ich erinnere mich an grobe Erzieherinnen der alten Schule und freundliche junge Pädagoginnen, die dann alles anders machten.

Meine Kindheit in der DDR war kurz. Meine Familie ging völlig unterschiedlich damit um. Eine Oma die bereits kurz nach Mauerfall in die Wilhelmstraße zog und auf der Loveparade mitlief und eine Mutter die im Osten kein Abitur machen durfte und im Westen mit ihrer Ausbildung nicht weiterkam.

Eine Familie, die zu Teilen geflüchtet war und eine Familie die noch lange an Dauerwelle und Karottenhose festhielt.

Eine Familie die keine Angst vor der Zukunft hatte und eine Familie die nun mit Armut kämpfte.

Ich saß in meinem Kinderzimmer aus altem dunklen Holz und plötzlich, nur wenige Jahre später, waren die Wände schreiend pink und meine Möbel reinweiß. Dazwischen wurde meine Schwester geboren, die sich nicht erinnert wie richtiger Kartoffelbrei schmeckt oder Pudding aus dem Topf. Die nie mit kleinen Autos oder Cowboy und Indianer gespielt hat und stattdessen eine Barbie um die nächste bekam.

Meine Kindheit im Osten war nicht schwer. Nicht härter als andere Kindheiten. Wir waren nicht unglücklich oder vermissten tatsächlich etwas. Wir konnten leben und irgendwie Anerkennung finden.

Mit dem Mauerfall wurde alles bunter und größer. Es gab plötzlich Konflikte die ich nicht verstand und ich habe mich immer fragen lassen müssen, ob ich Ossi oder Wessi sei. Für mich hat das nie eine Rolle gespielt, weil ich weder etwas für meine Geburt, noch mein Elternhaus konnte.

Wenn ich mir was wünschen könnte, dann weniger verklärte Erinnerungen. Weniger Filme mit Grauschleier oder Sepiaton. Weniger Gerüchte, über den dummen Ossi oder den hochnäsigen Wessi. Alles was ich möchte, ist sein.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s