GEFÜHLSPALETTE

In einem Gespräch mit einer Kindertherapeutin lernte ich kürzlich eine eigentlich selbstverständlich klingende Wahrheit kennen:

Menschen, insbesondere während ihrer Kindheit, müssen eine ganze Palette an Emotionen und Gefühlen kennenlernen. Viele Kinder unterschieden hauptsächlich Wut und Trauer, was in etwa so facettenreich wie schwarz und weiß wäre.

Wenn Kinder nicht erkennen, das Wut nicht die erste und einzige ihrer Gefühlsregungen und die ihrer Mitmenschen sei, blieben sie verhaftet in dem Gefühl eines Extrems. Kinder neigen dann dazu sehr absolut zu denken und Probleme nicht abstufen zu können, geschweige sie zu bewältigen.

Wut sei aber nur eine Empfindung von vielen. Der Weg zur Wut, kann von vielen anderen Eindrücken gepflastert werden: Ärger, Besorgnis, Gram, Unsicherheit, Hilflosigkeit, Frust usw. Zu erkennen welches dieser vielen Gefühle und all ihren Begleiterscheinungen sich da im inneren auftun, ist der erste Schritt mit ihnen umzugehen. Bin ich sauer, weil mir jemand gerade einen schönen Moment kaputt gemacht hat? Fühle ich mich hilflos und ungehört und reagiere dementsprechend gereizter als sonst? Habe ich sogar Angst und überspiele dies jetzt, indem ich die Zähne fletsche?

Es scheint uns total abwegig, aber eben genau diesen Gefühlen berauben wir unsere Kinder immer wieder, weil auch wir Erwachsene verlernt haben genau hinzuhören. Wir lauschen nicht mehr nach innen, bleiben der Situation unachtsam und loten kaum aus woher die momentane Stimmung kommt. Stattdessen schmeißen wir mit Wut und Trauer als Begrifflichkeiten um uns, als seien sie der Weisheit letzter Schluss.

Auch traurig zu sein, darf nicht zum Druckmittel werden, wenn es darum geht Kindern eine Lektion zu erteilen. „Du machst mich traurig.“,kann in dem anderen so viel auslösen und kaputt machen. Es wäre besser sich zu fragen, ob Trauer hinter unserem Gefühl steckt oder eben doch noch so viel mehr. Bin ich hilflos oder überfordert? Bin ich verstört oder erschöpft? Bin ich genervt oder gestresst?

Wir schieben gerne mit Begriffen um uns, die unser Gegenüber zu einer Reaktion zwingen sollen. Je stärker das Wort, umso wahrscheinlicher die Reaktion. Je weniger wir erklären, umso größer der Interpretationsspielraum des anderen.

Sich und dem anderen aber zu erklären worum es tatsächlich geht, bleibt man einander oft schuldig. Stattdessen suggerieren wir, die Mauer ist oben und die Chance diese abzubauen wird schwer.

Verständnis für sich und die eigenen Gefühle sind so essentiell, um dem anderen die Möglichkeit zu geben etwas zu verändern. Die Kommunikation ist der Schlüssel und obwohl sie für uns Menschen existenziell wichtig ist, scheinbar noch immer unsere größte Hürde.

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