DEFINITION ICH

„Wer bin ich und wenn ja wie viele?“, fragten wir uns vor ca. fünfzehn Jahren alle, nachdem eine Welle von R.D. Precht Werken über die Ladentheke, in unsere Küchenpsychologieschublade gefunden hatte.

Wir definieren uns immer neu. Fragt man einen Jugendlichen, ob er sich noch als Kind, insbesondere das Kind seiner eigenen Kindheit,definiere, würde er vermutlich erst „Hä?“ denken und dann „Nee…“ sagen.

Vor fünf Jahren habe ich mich anders definiert als heute. Vor einem halben Jahr war ich eine andere Version meiner selbst und selbst morgen werde ich vermutlich noch ein Stück reifer sein als gestern. Jeden Tag lernen wir dazu, verändern winzige Kleinigkeiten oder werfen ganze Eigenschaften unserer Persönlichkeit über Bord.

Als meine damalige Therapeutin mich fragte wie ich mich sehe und welche Rolle meine Vergangenheit spielte, konnte ich sehr ehrlich zugeben, mich über meine verkorkste Kindheit und all die Dramen im Anschluss definiert zu haben. Natürlich macht diese Zeit viel mit einem. Sie prägt wie kaum etwas anderes. Mit eigenen Kindern ist auch eine weitere Entwicklungsstufe genommen und zwischen der Geburt bis zur Pubertät eben dieser Kinder, wächst man innerlich zwangsläufig mit. Ob man eben möchte oder nicht, nichts ist mehr wie zuvor.

Definieren sich Menschen allerdings nur über ihre Elternschaft, sind sie in meinen Augen schier verloren. Es gibt jenseits der Kinder und all der damit zusammenhängenden Aufgaben noch mehr gelebtes Leben. Gedanken die sich ausschließlich um die Mutterschaft drehen, nehmen groteske Züge an. Und was, wenn die Kinder ausgezogen sind? 18 Jahre plus/minus sind schnell rum. Eben war ich selbst 18 und nun bin ich Anfang dreißig.

Wenn wir also unsere Kindheit Kindheit sein lassen und die Elternschaft nicht so wichtig nehmen wollen, was bleibt dann noch übrig?

Manche Menschen würden nun den Job erwähnen. Ganz unbedingt sogar. Immerhin verbringen wir nicht selten acht Stunden am Tag auf Arbeit. Wir denken und handeln dann für diese eine Aufgabe und selbst nach dem vollzogenen Arbeitstag, bleibt der ein oder andere Gedanke auf Arbeit haften. Sich also nicht über die Arbeit zu definieren, wird schwer.

Wer aber sind wir, wenn das Wochenende oder der Urlaub einsetzt? Wenn die Kinder aus dem Haus sind, unsere Hilfe nicht mehr brauchen und wir unsere Kindheit seit sicher fünfzig Jahren aus den Augen verloren haben? Wer sind wir, wenn unsere Eltern langsam gehen und uns nicht mehr sagen können wer wir waren? Wer sind wir, wenn die Rente sich wie eine dünne Decke über uns legt und den letzten Lebensabschnitt ankündigt? Wer sind wir, wenn niemand da ist? Wer sind wir, wenn unsere Rollen durch andere besetzt sind? Jemand der lauter flucht als wir. Jemand der sich besser einbringt auf Arbeit. Jemand der die Kinder mit genau solcher Hingabe großzuziehen vermag.

Wir sind wie eine Vase, aufgefüllt mit bunten Murmeln. Jede Murmel eine Erfahrung. Manche sind größer und einige winzig. Manche sind schillernd und andere stumpf. Einige sind bunt und andere einfarbig, sogar schwarz wie die Nacht. Nehmen wir eine Murmel raus, blieben noch genug Erfahrungen übrig, um uns zu prägen und zu dem zu machen was wir sind. Reich an allem. Reich an Wissen, reich an Ideen, reich an Erlebten. Nichts was wir getan oder gesehen haben, steht alleine für das was wir sind und das wer wir sein könnten. Es sind so viele Menschen in uns, man müsste die Murmeln eigentlich permanent murmeln hören.

Sich also nur über eine Sache und ein Können zu definieren, bedeutet eine gradlinige Entwicklung. Entwicklung ist aber nicht geradlinig. Sie ist kontinuierlich, aber kein gerade Weg.

Ich bin ich. Mehr Definition kann es nicht brauchen.

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