SCHEMATHERAPIE

Heute habe ich auf Twitter wieder die Empörungswelle kommen sehen. Jemand hat einer traumatisierten Freundin geraten sich ihrem Trigger auszusetzen, bis es kein Trigger mehr sei. Natürlich eine verkürzte Darstellung, denn Twitter bietet in 280 Zeichen (+-) wenig Raum die ganze Geschichte zu erfassen, geschweige denn beide Seiten anzuhören.

Stattdessen wurde von eben jener Person allen Lesern und Leserinnen empfohlen den Mund zu halten, wenn sie keine Ahnung hätten und Opfern von Gewalttaten weder Tipps zu geben ihr Trauma zu überwinden, noch auf Trigger zu setzen, als Abhärtung gegen das Geschehene.

Ich sage, weder A noch B sind verkehrt oder richtig.

Je nach Mensch, Erlebtem und augenblicklicher Situation, je nach Kontext und Problematik, je nach GesprächspartnerIn und Umgang miteinander, ist es möglich zu einer Handlung zu raten oder sich bedeckt zu geben.

In meinen langjährigen Therapieerfahrungen musste auch ich verschiedene Therapeuten, Methoden und Mittel ausprobieren, um herauszufinden was mir hilft und gut tut. Die Schematherapie sollte schließlich nach fast vier Jahren greifen, heilen und helfen.

Und genau dort wurden meine Trigger nach und nach bedient. Zu Beginn selbstverständlich nicht. Es war ein sich Abtasten und Kennenlernen nötig. Die Trigger sind wie eine Keule. Sie können wieder etwas auslösen und den Therapierten zurückwerfen.

Nach über zwei Jahren Gespräch, Rollenspielen und Momentaufnahmen, folgte was folgen musste. Ich sollte die schlimmsten Erfahrungen aufzählen. Wie ein Rückblick und ganz ohne Hast und Eile. Es war ernüchternder als ich dachte. Keine Tränen, nur ab und an ein Kratzen im Hals und eine brüchige Stimme zur Folge.

Meine Therapeutin zeichnete einen Kreis und schrieb Ereignis für Ereignis nieder. Von meinem zweiten Lebensjahr, bis zu meinem elften. Neun Jahre Demütigung und Gewalt.

Da saß ich nun und sie kannte jedes Detail, jede Peinigung und Missetat. Ich war leererzählt. Aufgeschrieben waren es vielleicht noch etwa zwölf Vorfälle die mir direkt in den Sinn kamen, aber in meiner Erinnerung war es mein ganzes Leben.

Nach und nach brach sie jede kleine Erinnerung auf. Ich sollte mit dem für mich leichtesten Thema beginnen. Ganz klar, die körperliche Gewalt. Nicht umsonst behaupten viele Menschen, Schläge seien einfacher wegzustecken als seelische Grausamkeiten. So auch bei mir.

Ich sollte mich hineinwerfen und erzählen und am Höhepunkt stoppte sie.

Ab hier musste ich die Geschichte umdichten. Zur Heldentat. Wurde meine eigene Retterin.

Diese Form der Therapie war hilfreich und furchtbar zugleich. Ich hatte diese Stunden auf Tonband und sollte sie mir mindestens dreimal die Woche anhören. Dreimal zu viel. Ich schob es hinaus und schwindelte, wenn sie fragte wie es mir erging. Eines Tages, beim Bügeln, tat ich es. Ich hörte mir zu. Anfangs war es grausam. Dann wurde es leichter. Irgendwann war da nur noch Stimme.

Ich brach nach zwei weiteren Aufnahmen ab. Ich wollte die anderen Geschichten nicht mehr hören. Ich hatte mich begriffen und wusste nun langsam was ich kann, wer ich bin und das die Vergangenheit, so unauslöschlich, mir nicht mehr weh tun kann.

Ich weiß um die Trigger. Manchmal ärgert mich etwas und nicht selten begegne ich auf Arbeit Kindern wir mir. Heute brauche ich aber nicht mehr davonlaufen. Ich gehe darauf zu. Ich bin die helfende Erwachsene. Die starke Persönlichkeit. Nicht das Opfer, sondern die Erfahrene.

Mit meiner Kraft ist es möglich anderen zu helfen. Vorbild zu sein, wachsam zu sein, hilfreich zu werden.

Trigger ermüden. Sie sind überall zu finden. Aus Erfahrungen Gold zu machen, schafft nicht jedes Opfer. Es reißt einen zu Boden und kann einen dort festnageln. Mich nagelt niemand mehr fest.

Es gibt nicht den einen Weg und Opfern zu sagen sie seien immer Opfer, ist genauso gefährlich, wie zu behaupten es gäbe den Königsweg.

Es gibt viele Zweige, Stränge und Ideen und jeder muss für sich individuell die Lösung finden. Dabei ist Unterstützung wichtig und Zeit.

Ein Tweet kann niemals begreiflich machen, was Jahre der Therapie und des Alterns einen lehren.

2 Kommentare zu „SCHEMATHERAPIE

  1. Ich denke, eigentlich ist alles gesagt. Nur sehr einfache Gemüter können glauben, dass man mit so einer begrenzten Anzahl Zeichen Politik machen kann oder gar des Menschen Seele erfassen. Kein schwieriger Sachverhalt wurde je im Internet – geschweige denn auf Twitter – abschließend und erschöpfend besprochen, aufgelöst und einem besseren Zugeführt. Das ist auch darüber hinaus mein Haupteinwand gegen das bei den KK um sich greifende wir-haben-da-einen-Psychologen, der hat doch glatt ein Telefon und einen Computer! Nein, das kann ein bißchen unterstützen, aber letztlich brauche ich ein empathisches Gegenüber, ein Gesicht, eine echte Stimme, einen Menschen. Der auch fehlt, der auch reagiert, der nicht in irgend einem unantastbaren Therapeutenhimmel schwebt. Und idealerweise dazu steht! INternet und Twitter machen’s, gut gemeint (selten genug) vielleicht nicht gleich schlimmer, meist aber doch. Und Dr. Google ist nicht gerade der ideale Ratgeber, der allweise Tastaturnutzer aber noch weniger.

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    1. Ich sehe es auch so. Bzw. möchte ich nochmal differenzieren und darauf hinweisen, dass natürlich jeder Mensch anders tickt. Es gibt Leute denen helfen Selbsthilfebücher und Meditationskurse. Es gibt Menschen die brauchen nur Freunde und Partner. Es gibt Personen, die haben jahrelang Therapie gehabt und nichts half tatsächlich. Wenn wir sagen „Geht so nicht!“, sprechen wir in erster Linie immer nur für uns selbst.

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