LIEBE TWITTER-GEMEINDE

Früher fragte ich meine Teenagerfreundinnen kurz vor dem Ausgehen, was ich anziehen solle. Wir hatten schon Handys, konnten aber nur klitzekleine, verpixelte Fotos schicken. Deshalb blieb es oft bei einer Beschreibung der Kleiderwahl und am anderen Ende wurde zurückgeschnattert bis der Arzt kommt.

Später holte ich mir Tipps über studivz. „Ey ihr da draußen, wer geht heute feiern und nimmt mich mit?“. Dabei erreichte ich zu 90 Prozent meine Freunde und Kommilitonen, aber selten Fremde. Es waren die Zeiten, in denen mir nahe stehende Menschen tatsächlich wussten wer ich war und mir niederschwellig und schnell mal eben Tipps und Tricks geben konnten.

Heute wird es da schon grotesker. Wer keine realen Freunde hat, greift auf die Onlinehilfe zurück. Jeder noch so kleine Bereich wird vorher mit der Community besprochen und nicht selten in Abfragen auf Nummer sicher gegangen. Vielleicht haben die entsprechenden Leute sogar Freunde, aber greifen sicherheitshalber dennoch lieber auf ihre Follower zurück. Immerhin ist Kommunikation alles und bringt nicht selten Klicks und Bestätigung ein. Einfach ins Leere schreiben, macht ohne Reaktion nicht so viel Spaß. Unser Belohnungssystem hat inzwischen gelernt, die häufigste Reaktion erfolgt auf Dramen und Fragestellungen. „Was zieht ihr am liebsten im Sommer an?“,“Wie findet ihr diese Serie?“,“Wohin soll ich am kommenden Samstag gehen?“ usw.

Aber mal ehrlich, benötigen wir wirklich so viel Lebenshilfe oder ist es der bloße Versuch im Gespräch zu bleiben? Sich zu vernetzen und vielleicht sogar der eigenen Einsamkeit zu entgehen, indem man auf Antworten nicht lange warten muss?

Wer sich permanent von fremden Menschen Ratschläge für das eigene Leben geben lässt, hat sich selbst nicht verstanden. Wie soll ein fremder Mensch wissen, ob die gegebenen Tipps tatsächlich hilfreich oder einfach nur Zeitfresser sind? Wie kann die Gegenreaktion nicht selten negativ ausfallen, wenn man sich plötzlich falsch verstanden fühlt? Wie kann ein persönliches Thema plötzlich zum Allgemeingut gehören?

Ich rate allen Twitterern davon ab, sich ihre Bestätigung über Ratschläge zu holen. Am anderen Ende sitzt nicht die beste Freundin, die Mutter, der Bruder oder Arbeitskollege. Da sitzen Menschen die teils Kilometer entfernt ein völlig anderes Leben führen und versehentlich über den Account gestolpert sind. Es ist möglich, dass der andere nicht immer wohlwollende Worte findet, sondern einen runterziehen will.

Möchte man sich dieser Tatsache verschließen, für einen kurzen Augenblick der Nähe?

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