WIEVIEL DARF ICH PREISGEGEBEN?

Gegenüber seines Arbeitgebers ist man zu Loyalität und Verschwiegenheit verpflichtet. Vertraglich gibt es keinen Graubereich.

Namentlich über Konzerne, Personen des öffentlichen Lebens herzuziehen, kann manchmal böse enden. Rufmord gilt als klagbar.

Wer heute noch seine Kinder online bloßstellt, kann dafür zurecht von anderen abgemahnt werden. Der nächste Shitstorm ist nie weit.

Was aber, wenn wir über unsere Ex-Partner oder alte Liebschaften schreiben? Wir ungefragt Details der Beziehung preisgeben oder unsere Tinderdates lächerlich machen?

Welcher Mensch bin ich, wenn ich mich profiliere, indem ich private Details, persönliche Momente und alte Geschichten teile, die einst nur zwei Menschen geteilt haben?

Es ist schwer eine Grenze zwischen moralisch richtig oder falsch zu ziehen. Auf der einen Seite sind es Erfahrungsberichte und spannende Einblicke, die es ermöglichen Tabus zu enttabuisieren. Auf der anderen Seite steht da etwas geschrieben, was die andere Partei nicht klarstellen kann. Sich ebenfalls mit ihrer Sicht der Dinge äußern wird. Einmal geschrieben, einmal veröffentlicht, ist es schwer wieder auf Null zu gehen.

Ich lese häufig von unglücklichen Dates und sehe Screenshots gesammelter Konversationen auf Tinder und Co. Natürlich muss auch ich manchmal schmunzeln und frage nicht, wie es dem auf der anderen Seite wohl ginge, wenn er wüsste was mit seiner unreflektierten und teils absurden Message passiert, nach dem Verschicken.

Wenn ich mich aber in diese Position bringe, also jemandem etwas zu schreiben, vielleicht etwas tumb und fernab eines guten Flirts, was würde es mit mir machen, eben diese paar Zeilen (die noch nicht viel über mich verraten), auf Twitter als Perlen zu lesen? Wie ginge es mir, würde ich zum Gespött der Leute, weil meine Rechtschreibfehler mal wieder zum schreien waren oder weil meine Fotos niemandem gefielen? Wie wäre es, wenn ich jemanden eben noch interessant fand und dieses kurzes Gefühl der Sympathie mich bald Lügen straft, weil ich irgendwann Teil der Kampagne „Bücher über Tinder“ wurde?

Ich würde mich schämen. Mich ärgern. Mich fragen, wie der andere so tief fallen konnte, mich für einen Joke, einen Tweet oder eine Konversation auf Onlineportalen zu missbrauchen.

Nur schlimmer geht es ja bekanntlich immer.

Leute die ihre ExpartnerInnen immer und immer wieder hervorkramen, um aus ihnen gute Geschichten zu machen. Die ihre Erlebnisse nicht in einer Therapie aufarbeiten oder unter Freunden bereden, sondern Likes darunter sammeln, als sei das ihre Belohnung für eine besonders verpfuschte Beziehung.

Natürlich ist es schön sich Erlebnisse von der Seele zu schreiben, Gleichgesinnte zu treffen und sich vielleicht auch einen Rat abzuholen. Jemanden online zu verhöhnen und die alte Beziehung auszuschlachten, hat immer einen miesen Beigeschmack.

Es ist unfair dem anderen auf diese Weise etwas nachzutragen. Immer und immer wieder. Es ist ein Armutszeugnis. Sich selbst gegenüber genauso. Wenn der Expartner geprügelt hat und diese Erfahrungen müssen öffentlich Raum finden, lässt sich vermutlich über diese Möglichkeit streiten. Austausch hilft. #Metoo machte es vor.

Den Ex dafür zu benutzen sich ein zweites Standbein zuzulegen, ist traurig, ungerecht und eine perfide Art sich zu rächen. Unsere Kinder, unser Arbeitgeber, wir selbst. Da sind wir sensibler, als bei dem was uns mindestens genauso persönlich erscheinen müsste. Finger weg von der Tastatur, sagt man ja viel zu selten zu sich selbst.

3 Kommentare zu „WIEVIEL DARF ICH PREISGEGEBEN?

  1. Großartig erfasst und geschrieben, Du sprichst mir aus der Seele. Wenn man Andere klein oder hässlich redet, kann man selbst viel besser glänzen?! Irrtum. Denn das wirft ein noch schlechteres Bild auf einen selbst. Mal abgesehen davon, dass die Fehler, die ich beim Anderen meine zu sehen, meistens die Reflektion von dem ist, was mich selbst am meisten an mir selbst stört. In dem Sinne fröhliches Kritisieren.

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