DAS HAUS DER FRAUEN

Aus Sicht eines Kindes, erinnere ich mich gerne an die Zeit im Frauenhaus zurück.

Wir Kinder brachten uns bei wie man aus Zucker und Wasser so etwas wie Sprite mixt. Wir kletterten aus der untersten Etage, vom Fensterbrett auf Bäume. Wir tobten im Bewegungsraum, bis dieser begann nach Schweiß, Freiheit und Käsefüßen zu riechen. Wir ließen uns abends von fremden Müttern die Haare zu Zöpfen flechten und durften im Aufenthaltsraum schon früh Filme wie pretty woman und dirty dancing sehen. Niemand hielt uns davon ab die Spielsachen der anderen Kinder zu klauen und keine Mutter war mehr im Stande ihr Kind zu bestrafen. Ein echtes Räuberleben.

Die Wahrheit war eine andere.

Bereits Jahre zuvor wuchsen einige nun schon mit Gewalt auf. Meist war es der eigene Vater, Mal der Freund der Mutter. Viele von uns waren missbrauchte Kinder. Geschlagen, angeschrien, geknebelt oder nachts von ihnen im Schlaf geweckt worden. Wir erzählten uns nichts. Wir erzählten unseren Müttern nichts. Wir waren Nichts.

Unsere Mütter atmeten ein und aus, von nervös und angespannt, zu erleichtert und bald wieder glücklich. Wir bezogen kleine Zimmer, in denen wir nach und nach Poster aufhängen durften. Wir gingen endlich vor die Tür, an den Badesee oder Eis kaufen. Jede Woche eroberten wir uns ein Stück mehr Leben zurück.

Die Vergangenheit holte uns nur ein, wenn Neuzugänge weinend in der Tür standen. Wenn der einzige Mann, ein Hausmeister, gerufen wurde, um wütende Exmänner zu verjagen. Wenn wir nachts die Augen schlossen und nicht ruhig schlafen konnten.

Ein halbes Jahr meiner Kindheit war vergangen. Ich war etwa fünf Jahre alt und doch erinnere ich mich so deutlich an alles, als sei es gestern gewesen. Jeden Geruch, jede kleine Szene die mir wichtig erschien. So auch, als meine Mutter nach sechs Monaten Aufenthalt entschieden hatte zu meinem Stiefvater zurückzugehen. Sich schwängern zu lassen. Einen Neuanfang wagte. Eine Wiederholung startete.

Sie war das Opfer. Ich war es ebenso.

Ich weiß noch, wie wenig Einfluss ich nehmen konnte. Wie wenig Mitspracherecht mir eingeräumt wurde. Ein Körper ohne Stimme. Eine Hülle. Innerlich schrie ich. Äußerlich blieb ich brav.

Ich blieb auch brav, als er mich Woche um Woche schlechter behandelte. Seine Schuld sich in Wut verwandeln sollte. Als er uns einsperrte, als er uns schlug, als er ohne Grund brüllte und nachts wieder vor dem Bett stand.

Ich dachte an das Räuberparadies zurück. Dieses halbe Jahr Kinderglück. Andere wie ich. Andere wie meine Mutter.

Ich dachte auch viele Jahre später zurück. Und ich begann sie zu hassen. Diese Frau, die so schwach war. So selbstzerstörerisch. So dumm. Diese Frau, die mich nie schützte und auch Jahre nach diesen fast grausamen zehn Jahren nie aufhören konnte über dieses Leben zu reden, als sei es einfach passiert.

Eltern die ihre Kinder länger als nötig solchen Gefahren aussetzen, sind nicht einfach nur menschlich. Sie sind nicht immer mit Verständnis und Güte zu bedauern. Sie sind keine Opfer ausschließlich, sondern auch Täter.

Wer mit Kindern in ein Frauenhaus geht, hat sich entschieden etwas zu ändern. Sich Schutz und Hilfe gesucht. Wer mit Kindern in ein Frauenhaus muss, hat sich über vermutlich lange Zeit quälen lassen. Sein Kind nicht beschützt. Ihm eine Zukunft in ewiger Erinnerung geschenkt.

Mich hat ein Partner einmal geschlagen. Das Geschenk meiner Mutter. Ich nahm ihr Vermächtnis nicht an und ging sofort. Von nun an sollte es jeder Mann der es wagte mich oder mein Kind auch nur schief anzusehen bitter bereuen.

Ich bin laut. Ich bin ehrlich. Ich bin stark. Ich bin von einem Räuberkind zu einer schützenden Mutter geworden. Zu einem liebenden Ich.

Schützt euch und eure Kinder. Sofort! Nicht morgen, nicht übermorgen. Sofort!

Kinder werden nie begreifen wieso ihr sie habt so lange leiden lassen. Euer Leid steht nicht auf einer Stufe mit ihrem Leid. Denn sie würden gehen, wenn sie jemand gehen ließe.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s