CHARAKTERSTÄRKE

Was wir Pädagogen längst wissen und an unseren Schützlingen immer und wieder erproben müssen, ist der Umgang mit ihnen, ihren Stärken und Kompetenzen und die Vernachlässigung ständiger Defizitorientierung.

Sobald Kinder in einer sozialen Einrichtung unterkommen, Kita oder Schule, wird ihnen und ihren Eltern eine Menge abverlangt. Pädagogen, insbesondere die jüngere Generation, aber auch die gut informierten und stets engagierten, greifen in Elterngesprächen auf dieses Wissen zurück. Dabei wird den Eltern gezeigt was das Kind bereits mitbringt an Ressourcen, Fähigkeiten und großartigen Eigenschaften. Hin und wieder wendet man sich auch auf sensible Weise dem zu, was liebevoll unter Förderungsbedarf verstanden wird. Dennoch, Schwächen niemals vor Stärken und Stärken immer höher bewerten.

Angenommen diese tolle Formel würde nun nicht nur von Pädagogen zu Eltern und Kindern angewandt werden, sondern Lebensformel werden. Wir würden vermutlich alle viel zufriedener durch die Straßen gehen. Akzeptiert für das was und wer wir sind. Fehlt uns etwas oder können wir eine bestimmte Sache nicht? Egal! Kann’s halt jemand anders besser als wir, was soll’s?

Wir würden uns nicht immer vergleichen oder ungefragt gesagt bekommen, dass wir falsch seien oder verkehrt denken. Jemand würde uns sagen, es gäbe Luft nach oben in einer Disziplin, aber wir seien ungeschlagen in einer anderen.

Wir könnten aufhören immer an mehr als hundert Prozent zu glauben. Hundert Prozent ist das maximale Maß aller Dinge. Wer will schon immer und überall auf volle Leistung laufen? Da wäre der Verschleiß schnell erreicht.

Wir könnten unser Potential endlich selbstbestimmt ausschöpfen, weil jemand an uns geglaubt hat, ohne zu drängen oder zu verzweifeln, wenn etwas schief ging.

Wir hätten die Chance auf Selbstbesinnung. Wir hätten das Recht auf Unfähigkeit und Unwissenheit, weil niemand den Maßstab kennt.

Jemand könnte nun argumentieren, wenn wir alle immer nur machen und leben dürften wie wir wollten, frei von Kritik und Druck, wären sicher keine Astronauten zum Mond geflogen oder KünstlerInnen so gros geworden. Unser Antrieb ist oftmals aus Konkurrenz geboren. Unser Hass, die Wut und die Zweifel jedoch auch.

Diese entstehen, wenn uns das Urvertrauen fehlt. Wenn Erwachsene uns immer wieder das Gefühl haben, wir hätten lediglich einen Wert, wenn wir etwas leisten.

Dieser Kummer in uns, weil wir nicht in allen Lebenslagen souverän sind und das Schicksal manchmal Streiche spielt, wächst ebenfalls aus einer falschen Vorstellung. Der Vorstellung wir müssten irgendwem da draußen etwas beweisen. Etwas sein. Mehr als wir schon sind.

Niemand hat sich ausgesucht geboren zu werden. Niemand wurde geboren in die Lebensumstände seiner/ihrer Wahl. Wir beginnen erst sehr spät selbstständig zu entscheiden und nehmen das Erbe unserer Kindheit meist bis ins hohe Alter mit.

Würden wir alle leben, als sei es uns wichtiger die positiven Dinge im Leben zu betrachten, gäbe es ausnahmslos fröhliche Gesichter. Da es dafür zu spät ist, kann man nur Schadensbegrenzung betreiben und hoffen die kommenden Generationen stoßen auf blickige Eltern, Pädagogen und einflussnehmende Erwachsene.

Nieder den Defiziten!

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