GENERATION UMSONST

Bei einem Parkausflug mit einer Schulklasse, kamen wir an einem Eisladen vorbei. Nicht jedes Kind hatte Geld dabei und so bekam der Eisverkäufer schnell Mitleid. Er gab jedem Kind ein Eis für einen Euro aus, wer mehr wollte und es sich leisten konnte, hatte die Wahl mehr zu erwerben.

Einige Wochen später, gleiches Spiel. Diesmal waren es jedoch die Kinder die ihr Gratis-Eis einforderten und auf ihre leeren Taschen zeigten. Ich ging dazwischen und teilte allen Kindern mit, wer kein Geld bei sich hätte, müssen eben verzichten. Die Alternative wäre gewesen, sich das Eis von der besten Freundin auslegen zu lassen oder wir würden solidarisch alle einmal auf das geplante Eis verzichten.

Heute fiel mir auf, dass ganze Scharen im Internet an Gewinnspielen teilnehmen würden, sich sogenannte InfluencerInnen gratis mit Schnick und Schnack eindeckten und eine Kultur der Bettler und Spendenaufrufe entstehen konnte.

Ob Wishlists bei Amazon oder Aufrufe die PayPal-Kasse für den guten Zweck zu füllen. Jeder hat einen scheinbar wichtigen und besonderen Grund sich seinen Luxus finanzieren zu lassen.

Wo früher gespart oder verzichtet werden musste, reichen heute ein paar Klicks und eine große Portion Glück. Sich gut selbst zu verkaufen, ist dabei genauso wichtig, wie eine anständige Followerzahl, die Massen erreicht und somit die Wahrscheinlichkeit erhöht, irgendwem das Herz zu erweichen.

Natürlich brauchen Alleinerziehende oder Menschen mit Behinderung oftmals mehr Unterstützung bei der Anschaffung des täglichen Bedarfs. Selbst die arbeitenden Menschen unter ihnen, haben oftmals nicht die Chance in den Urlaub zu fahren oder sich häufig an Ausflügen zu beteiligen. Es war aber sicher auch nie so einfach wie heute seine Portokasse auffüllen zu lassen. Ob Wohngeld, Hartz 4 oder staatliche Zuschüsse, mit viel Geduld und etwas findigen Kompetenzen, lässt sich alles regeln. Dann gibt es aber natürlich noch Bedürfnisse die über Wohnung und regelmäßige Mahlzeiten hinausgehen. Erholung zum Beispiel. Teilhabe am Sozialleben. Spaß und Unterhaltung. Alles Luxus der keiner sein sollte. Normal eben.

Wer sich das früher nicht leisten konnte, musste verzichten oder mehr arbeiten. Wer nicht verzichten wollte oder die Chance hatte zu arbeiten, versank in Armut und Verzweiflung oder pumpte Geld beim besten Freund. Wer keinen besten Freund hatte, wurde auch schonmal kriminell.

Mir sind diese Strukturen klar. Ich weiß um die Härte des Lebens und die Ungleichheit bei der Verteilung von Gütern und Macht. Ich stelle mir dennoch oft die Frage, warum einige Menschen immer wieder glauben, dieses Leben sei ihnen etwas schuldig?

Wieso sie denken, alles müsste gratis sein? Wieso sie denken, ausgerechnet ihr Bedürfnis sei schneller und vorrangig zu dem aller anderen zu erfüllen. Ist es nämlich nicht.

Wenn die Wishlist leer gekauft wurde, die Spendengelder in Urlaub und Kleidung geflossen sind und Gratisproben irgendeiner neuen hippen Firma zugesandt wurden, könnte das Maß voll sein. Bedürfnisse befriedigt, erste Last genommen. Jetzt wäre jemand anderes dran.

Aber wie bei den Kindern im Eisladen, scheint die Hemmschwelle zu sinken und aus dem „ich bin nicht der Nabel der Welt“, wird ein „ich habe noch Anrecht auf!“.

Während man den Kindern keine Vorwürfe für dieses Denken machen kann, könnte man sich schon fragen, ob Erwachsene sich hier nicht völlig egoistisch und ich-zentriert bewegen. Ob die Anschaffungen alle notwendiger sind, als bei anderen. Ob der Sinn des Geldverdienens, um es entsprechend auszugeben, nicht verfehlt wird, wenn fremdes Geld rausgeworfen wird usw.

Natürlich kann man jetzt sagen, ich sollte ärmere Menschen nicht beschämen, in dem ich ihnen das Bisschen Luxus auch noch abspreche. Richtig. Aber sind InfluencerInnen am Hungertuch nagende Menschen oder einfach nur unersättliche Kinder, die nie gelernt haben mit Geld umzugehen? Sind die Spendenaufrufe gerechtfertigt oder entspringen sie dem Gedanken schnell und einfach anderen ihr verdientes Geld aus der Tasche zu ziehen? Ist es fair, aufgrund einer bestimmten Followerzahl mehr Zeug zu erhalten, als kleine Accounts, die aber wohlmöglich wirklich noch etwas benötigen?

Es ist immer eine Frage der Moral. Eine Frage des Standpunkts.

Wer viel hat, gibt nicht unbedingt mehr. Wer viel hat, möchte seinen Reichtum vermehren. Was einmal gelang, könnte ja immer wieder fruchten. Und sei es auch nur, sich noch mehr Krempel zuschicken zu lassen. Sich noch einen Urlaub spendieren oder einen Zuschuss zu gewähren.

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