LEBENSMOTIVATION ZU VERSCHENKEN

Mit einundzwanzig stand ich einmal am S-Bahn-Gleis und zitterte am ganzen Körper. Ich rief meine Oma an, um mich von dem Drang abzulenken auf die Schienen zu springen. Dieser war so groß geworden, dass es schwer fiel ihm nicht nachzugeben.

Ich hatte eine ganze Zeit lang mit Angstattacken zu tun und ohne es zu wissen, sicher auch eine Form der Wochenbett-Depression.

Die Ängste kamen immer dann, wenn ich alleine war, mit oder ohne Kind. Also versuchte ich Einsamkeit zu vermeiden und verließ das Haus manchmal schon sehr früh, besuchte Freunde und Familie und hoffte auf Schutz. Meine Ängste waren irrational und hatten keine Logik. Gesundheitlich ging es mir und dem Baby gut, aber ich dachte wir würden alleine sterben. Nach Therapien und Medikamenten, lernte ich schnell wieder auf mich zu vertrauen und es gelang mir nicht nur tagsüber alleine zu bleiben, sondern später sogar alleine zwei Kinder großzuziehen.

Heute ist es eher so, dass ich lebenshungriger als je zuvor bin.

Ich gehe gerne raus unter Leute und koste es aus am Leben zu sein. Ich habe eine Geschichte hinter mir, die mich Demut gelehrt hat, nicht nur aufgrund der Depression.

So wäre ich als Baby beinahe gestorben und lag Jahre lang im Krankenhaus. Ich habe eine gewaltvolle Kindheit erfahren und bin auch da stärker geworden. Ich fand mich in einem langen Prozess wieder, ängstlich, wütend und ambivalent. Ich wollte nicht alleine sein, ich hatte gleichzeitig Angst vor Menschen. Beziehungen scheiterten und die eigenen Kinder litten sicher unter meiner Unreife. All das, trieb mich zum Glück nie in den Abgrund, sondern ließ mich wachsen. Rückschritte inbegriffen natürlich.

Vor einer Woche endete meine Therapie. Vier Jahre Gespräche, Stellungswechsel, Lernerfolge. Vier Jahre Konfrontationen, Gegenwind und Zerrissenheit. Alles ein Weg. Mein Weg.

Heute weiß ich, es war meine Widerstandskraft, die mich leben ließ. Ich bin eine Kämpferin, eine Frohnatur, jemand der gerne lebt. Jemand der nie konsequent genug nicht leben wollte. Jemand der um Hilfe schrie, aber auch um Unterstützung bat. Mir wurden Hände gereicht, Türen geöffnet und mein Blick geschärft für das was wichtig ist: da ist nur dieses eine Leben. Dieses eine Leben will von mir gelebt werden. Eine Zwischenlösung gibt es nicht.

Ich kann mich jeden Tag im Bett vergraben und am Wochenende hoffen, es würde schon alles kommen wie es kommen soll. Oder ich stehe auf, anfangs gebeugt, später kerzengerade.

Ich kann versuchen mich zu begreifen. Meine Schicksale anzunehmen, in Wut, in Trauer, in Liebe. Zu sehen, ich bin nicht Schuld an meiner Kindheit und ich trage keine Verantwortung für Schicksalsschläge. Ich habe lediglich die Macht mein Erwachsenenleben zu bestimmen. Das meiner Kinder zu begleiten. Uns niemals aufzugeben, weil ich dies schon hätte tausend Mal tun können.

Meine Kraft möchte ich weitergeben. An Kinder die zu Hause Gewalt erfahren. An Alte, die noch wollen, selbst wenn der Körper nicht mehr kann. An Menschen die vor lauter Trauer wütend werden, hassen, schreien und um sich schlagen.

Wer Energie für zwei hat, darf sie gerne teilen. Ich teile heute gerne.

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