HARTES WASSER

Leider lese ich noch immer zu oft Meinungen zur Kindererziehung, die schwarze Pädagogik vor sechzig Jahren nicht hätte schöner hervorbringen können.

Kinder werden zur Ressource verknappt. Da sind sie nicht nur unsere Zukunft und sollen neben den üblichen Pflichten, wie das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, auch plötzlich die Umwelt retten. Es gibt Ideen davon wie das ideale Erziehungsmodell auszusehen hat und Vorstellungen weshalb der spätere Pubertierende in seiner Ausbildung nicht allen Erwartungen entspräche. Klar, in erster Linie waren es wohl die Kuschel-Helikopter-Eltern, allen voran Mütter, die Erziehung wohl als „Liebe in das Kind hineinstreicheln“ verstanden hätten und somit perse Scheiße sein.

Dann gibt es die Anschuldigungen, unsere Pädagogik sein mittlerweile zu weich, zu angepasst, zu sehr auf Augenhöhe und Achtsamkeit ausgelegt. Da könne so ein Kind ja später kein ehrbares Mitglied seiner Gesellschaft werden.

Es ist richtig, Erziehung macht den Unterschied. Wenn ich meinem Kind Urvertrauen nehme und Liebe vorenthalte, wird es später anders durchs Leben gehen, als ein Kind, welches diese wunderbare Erfahrung der Nähe und Verbundenheit machen durfte.

Ich war der Prototyp des „Schlechte-Erfahrungen-Kindes“. Zwei Jahre Krankenhausaufenthalt direkt nach der Geburt – also keine körperliche Bindung zur Mutter. Im Osten gab es dieses Känguruhen noch nicht. Danach neun Jahre psychisch und körperliche Gewalt innerhalb der Familie und ein typisches Trennungskind war ich ebenfalls. Fazit: Jahre lange Essstörung, viele Therapien und einige überstandene Suizidepisoden. Mein Leben war nicht leicht und Liebe fühlte sich stets ambivalent und wackelig an.

Wenn also jemand behaupten will, die Generation junger Menschen, die heute keine Lust auf Ausbildung hätte, keinen Bedarf an stupiden Jobs sehe und sich schwer täte eine Ehe einzugehen und Familie zu gründen, basiere einzig und alleine auf der Kuschelpädagogik, kann ich das klar verneinen. Zwischen Himmel und Erde gibt es so viel mehr.

Da sind liebende Eltern ein Geschenk und Bindung das einzig richtige, um Vertrauen aufzubauen. Auch das eigene, in sich selbst. Natürlich sollte es nicht über ein Maß hinausgehen. Abhängigkeit ist zum Beispiel meine Form der Bindung. Es ist ein Übel und führt später zu Ängsten und Problemen.

Bindung muss auf Augenhöhe beginnen. Wenn mein Gegenüber Nähe sucht, ich sie geben kann, dann gebe ich sie im vertretbaren Rahmen. Jemanden wegzustoßen, um später kein „Weichei“ aus ihm zu machen, führt zu der Sorte Mensch die sich später auch fragt, ob der Selbsthass größer ist oder die Wut auf eine unsichere und kalte Gesellschaft. Wer denkt seine Eltern waren nie da, zeigt sich oft ebenfalls unzuverlässig. Für wen früh aufstehen? Was soll Loyalität bedeuten, wenn niemals jemand loyal dem Kind gegenüber auftrat? Was ist Vertrauen in den Mitarbeiter, wenn Vertrauen an der Basis nie gelernt wurde?

Liebe Eltern, lasst euch sagen, wir bekommen die Kinder die wir verdienen. Dies gilt auch für eine Gesellschaft in der scheinbar alles unsicher, ängstlich und wütend bleibt.

4 Kommentare zu „HARTES WASSER

  1. In meiner Kindheit war es noch Norm und Lehre, dass Kinder in Krankenhäusern und Kuren von den schädlichen, übelst verkeimten Einflüssen der Eltern und anderer Anverwandter geschützt und damit getrennt werden müssen. Durfte ich auch erleben, hat mir gar nicht gefallen. Gewaltpädagogik war nicht mehr gang und gäbe, da hatte ich wohl auch Glück, denn ich habe von vielen gehört, dass nicht nur elterleiche Gewalt, sondern auch Erziehungspersonal noch (systematisch) zugeschlagen hat. Allerdings gab es da diese eine übergriffige Kindergartentante, gegen die ich heute noch Haß verspüre. Wäre eine extra Geschichte, war für sich genommen und im Vergleich vielleicht gar nicht so schlimm, aber eben entwürdigend.
    Aber das war ja in der guten alten Zeit, in der man noch genau wußte, was für Mädchen und was für Jungs war und überhaupt, wer wo seinen Platz hat. Als es noch üblich war, dass die hilfreiche die Feuerwehr gegenüber etwa so langhaarigem Gesocks Partei ergriff und sich als Verstärkung angewandter Polizeigewalt sah. Möglicherweise kein Einzelfall?
    Trotzdem möcht ich auch keiner Kuschel-, schon gar keiner laissez-faire Pädagogik das Wort reden. Denn ja, die Jugend braucht Regeln. Insbesondere kleinere Kinder und natürlich alle in Gruppen auftretenden Menschlein, hier um so größer um so mehr. Der Helikopter am Erfolg gemessen sogar förderlich für sein Kind sein, aber das Kind erprobt sich nicht an der Härte der Umwelt – das aber wiederum kann das Kind nur, wenn es vorher begriffen hat, dass irgendwelche Regeln für das Straße überqueren nicht der Langsamkeit der Erwachsenen geschuldet sind oder das Wort heiß speziell in der Küche am Wenigsten vorwitziges Topfgucken und Teig probieren verhindern soll. Und KInder (Und Welpen und Fohlen und so weiter, alle halt die lernen können, aber eben auch nicht mehr) können diese Dinge eben nicht einfach so per verständiger Einsicht lernen. Sondern sie müssen eingefordert und lästig eingeübt werden. Und es muß auch für Verstöße gegen notwendige Regeln Sanktionen geben, denn welche noch so sinnvolle Regel wird denn befolgt? Genau, man schaue nur den Straßen- und sonstigen Verkehr der Erwachsenen an! Eine peer – group Regel a la wer bremst verliert kann auch ein Fünfjähriger schon verblüffend schnell verinnerlichen. Und bevor vor anderen Fahrradrowdies das Gesicht verliert muß eine bestellte Aufsichtsperson schon etwas Bedeutendes ins Feld führen können, sonst hat sie verloren. Ein trial an error geht halt nur dann, wenn egal ist, ob der kleine Rabauke gesund oder überhaupt überlebt.
    Dass abseits der einzufordernden Regeln aber liebevolle Zuwendung, Herstellung von Bindung das Grundgerüst jeder anständigen Pädagogik sein muß ist nun auch keine neue Erfindung, haben doch schon die Alten daran experimentiert. In Zeiten, als Prügel noch als das adäquate Mittel der Wahl waren gab es auch schon Montessori, Pestalozzi und viele andere.

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    1. Viel Text zu meinem Text. Erstmal danke für’s teilen deiner Gedanken zu meinen Gedanken. Ich sehe da viele Parallelen. Bleibt ja nie aus, sollte zumindest nicht ausbleiben, sich immer und immer wieder zu hinterfragen, bei der „Aufzucht der Jungen“. Beginnt mit Sprache, aber vermutlich schon den eigenen Gedanken dazu. Würden wir es auf natürlichem Wege laufen lassen, wäre vielleicht auch schon allen geholfen, aber da wird ewig dran rumgezuppelt. Weil außerdem jeder denkt das Recht zu haben ein Kind wie Besitztümer anzusehen, noch dazu als Investition in irgendeine goldene Zukunft, wird sich spaßig vermehrt und alle Projektion auf das eigen Fleisch und Blut übertragen..wenn ich nochmal irgendwo hören muss „mit unserer Gesellschaft geht es berg ab!“, muss ich leider würgen. Das einzige was kontinuierlich unverändert bleibt, ist das Denken der letzten Generation, es sei früher merklich besser gewesen. Oder leichter. Aber Reflexion ist nicht jeder Menschs Ding. Wer in Pädagogik und bei der Begleitung der eigenen Kindern mehr als eben genau das sieht, hat zumindest eines mit Sicherheit geschafft: nächste Generation der unsicheren, unter Druck stehenden, launischen Rebellen. Sowas kann sich in Normung oder Differenzierung äußern..beides immer irgendwie Extreme. Da haben wir als Eltern und LehrerInnen dann wirklich keine Blumentöpfe gewonnen.

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  2. Nur noch kurz zu dem „mit unserer Gesellschaft gehts bergab“ und anderen Klagen über die Jugend: die sind schon, schriftlich, aus der Antike überliefert und auch der Vogelweiden Walther war sich nicht zu schad dafür. Anscheinend zwingend ab einem gewissen Alter (ich sollte jetzt endlich auch mal ernsthaft damit anfangen!). Ich hab meinen Kindern, als sie wieder mal pubertär widerborstig unrecht hatten, einst gesagt: nicht so ungeduldig. Ihr werdet schon noch recht haben, ihr könnts doch abwarten!

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