WÜNSCHE FÜR’S ALTER

Sagen wir es wie es ist. Wir werden alle nicht jünger. Diese platte Floskel benennt sehr verspielt eine unumstößliche Wahrheit: wir werden sterben.

Dazwischen befinden sich, so zumindest die Hoffnung, ein paar wirklich gesunde, schöne und wilde Jahre der Jugend und Frische. Abenteuer und Freundschaften die uns vielleicht in Etappen oder ein ganzes Leben lang begleiten sollen.

Während mein Partner und ich gestern Abend in den Sternenhimmel philosophierten, machte ich eine Beobachtung. Alte Menschen die keine Familie haben, keine Freundschaften (mehr) und ohne nennenswerte Rücklagen, einsam in ihren Vier Wänden sitzen, weil eine WG oder ein Platz im Altenheim zu teuer ist, haben es schwer.

Noch benommen von Nasenspray und den letzten Tagen fieser Erkältung, dachte ich daran zurück wie einsam mir meine Wohnung vorgekommen war. Das große Kind schon wieder in der Schule und das kleine Kind bei den Großeltern. Eigentlich eine tolle Ausgangslage sich zu erholen.

Ich lag im Bett, stöberte in wachen Momenten durch das Internet und in müden Augenblicken berieselte ich mich an einer Staffel Friends auf Netflix. Wer da nicht unweigerlich auf seine eigenen Freundschaften schielt, hat wohl keine.

So konnte ich abends auf drei Genesungswünsche von Kolleginnen und Kollegen blicken, zwei Angeboten von Freundinnen mich besuchen zu kommen und diverser Nachrichten meiner Mutter, die mich auf den aktuellen Stand ihres Lebens brachte. Das Telefon stand nur still, weil ich es lautlos machte. Eine Nachbarin fragte, ob ich Lust auf Hof und Menschen habe und abends füllten sich die vier Zimmer wieder mit Leben.

„Ja!“,dachte ich. „So ein Glück. So viele Lieben.“

Wenn ich diese im Alter abziehe, durch den Auszug meiner Kinder, das Ableben der Großeltern und irgendwann auch Eltern und die ersten verstorbenen Freunde, bliebe ohne Frage nicht viel übrig. Der Lebenspartner nimmt dann einen großen Stellenwert ein, weshalb sich so viele Menschen vermutlich auch noch binden wollen, wenn die Jahre der Fruchtbarkeit vorüber sind.

Wenn die Kinder ausgezogen sind oder es niemals Kinder gab, wird es ebenfalls still. Da kann man nur hoffen, auf eine optimistische Zukunft voller Lebenskraft und Gesundheit zu blicken. Reisen und Hobbys spielen dann eine große Rolle und erfüllen den Menschen. Natürlich kann ich mich auch Jahre lang in der Wohnung einschließen und malen, schreiben, musizieren. Aber was wenn mir diese Einsamkeit zu Kopf steigt? Ein Leben alleine mit seinen Interessen? Wie ist das so ein Mensch zu sein?

Beobachte ich meine Großmütter, sehe ich zwei Wesen die nicht unterschiedlicher sein könnten.

Die eine Oma ist seit drei Jahren Witwe und war schon immer ein übersprudelnder Bach der Lebensfreude. Mit fünfzig begann sie erst das Flamenco tanzen. Sie ist Malerin und hat einen großen, bunten Freundeskreis. Sie ist ein so offener und herzlicher Mensch, dass sie alle im Sturm erobert. Ein Familienmitglied welches man gerne anruft oder besucht.

Meine andere Großmutter ist noch verheiratet und unternimmt am liebsten alles zu zweit. Außer Arztbesuche. Die gehen auch alleine. Sie ist überhaupt sehr gerne alleine und duldet an ihrer Seite fast ausschließlich den Partner. Alle anderen strengen sie an. Was wenn der Partner aber wegbricht? Wenn sie es nicht schafft die Familie um sich zu halten, weil sie garstig wird oder ignorant bleibt, wird sie im hohen Alter sicherlich sehr schnell spüren was es heißt alleine zu sein.

Könnte ich wählen, würde ich gerne beide Frauen in mir vereinen. Alleine sein zu können, ohne die Einsamkeit zu schmecken. Freundschaften zu pflegen und auch ohne Partner immer Lebensmut zu schöpfen. Sich auf alle Eventualitäten so gut es geht vorbereiten.

Es macht uns mitunter deshalb Angst alt zu werden, weil wir von Einsamkeit sprechen. Alter bedeutet Verluste. Es bedeutet eine teilweise unerträgliche Ruhe. Nicht immer in Frieden. Es bedeutet, sich viel mit sich selbst zu beschäftigen, mitunter schmerzlich zu erkennen, dass niemand mehr da ist, der sich mit einem beschäftigt.

Menschen die das Glück haben sehr alt zu werden, haben das Pech oft alleine zu sein. Freundschaften kann man aufbauen, aber es wird nicht leichter. Familienanschluss hält man nur, wenn es eine Familie gab.

Es sind nicht die Falten und grauen Haare die uns sorgen, es sind die Stunden in denen niemand mehr Geschichten mit uns teilt. Körperliche Wärme austauscht. Uns sanft über das Haar streicht, wenn es Zeit ist zu gehen.

Ich wünsche mir solche Menschen. Ich wünsche mir so ein Mensch zu sein. Jemand, dem irgendwann jemand das Leben aus den Haaren streichelt.

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