DER FLEISS DER ALLEINERZIEHENDEN

Schon meine Großmutter war eine Alleinerziehende. Sie hatte nicht nur drei Töchter, lebte auf dem Dorf in der ehemaligen DDR, sondern musste alle drei Kinder, davon eines stark geistig und körperlich behindert, großziehen. Sie ist eine schöne Frau. Schon immer gewesen. Nicht die Sorte Frau (blöder Begriff, ich weiß) die grazil und hilfsbedürftig wirkt. Sie war und ist eher robust. Breite Schultern, straffer Busen, schmale Lippen. Wenn sie lacht, lachen ihre Augen und ihre Zähne strahlen um die Wette. Sie war mehrfach verheiratet und hat erst mit Mitte fünfzig zur wahren Liebe gefunden. Oder sagen wir zu meinem Großvater. Einem Mann der sich von ihr viel gefallen lässt, sich liebevoll um sie und ihre Kinder sowie Enkelkinder gesorgt hat und mit ihrer Stärke und all ihren Schwächen wunderbar lebt. Meine Oma wollte immer so viel mehr sein. Nach Australien ziehen, die Welt sehen. Stattdessen musste sie bleiben. In Sachsen. In einem Ort, den es später auf der Landkarte nicht mehr geben sollte. Weggebaggert, hieß es so schön. Heute ist dort ein großer Badesee und selbst die Einwohner Leipzigs sind ahnungslos. Vergangenheit für Braunkohle.

Oma bekam also Zwillinge, wovon eines mit einer Beeinträchtigung lebt und verlor einen Mann, der sich diesem Kind nicht gewachsen fühlte.

Es muss schwer sein sich um zwei Kinder zu kümmern, alleine und zu einer Zeit des Umbruchs. Als meine Mutter zur Welt kam, wurde es nicht leichter. Der Vater verschwand mit der verheimlichten Schwangerschaft. Unverheiratet galt damals als Makel. Affären waren ein Tabu wie heute. Meine Mutter sollte diesen Vater nie kennenlernen. Nie wissen woher ihre blonden Locken stammten oder ihre vollen Lippen. Die ich wiederum von ihr habe.

Meine Mutter zog dieses harte Leben voller Entbehrungen ebenfalls durch. Es ist der rote Familienfaden. Das Erbe. Eine Zahl in einer Statistik. Die Wahrscheinlichkeit Alleinerziehende zu sein, wenn die Mutter bereits alleine erzog, ist um ein Vielfaches erhöht. Und so sind wir in dritter Generation alleine. Partnerschaften haben wir durchaus. Wir haben auch sicherlich irgendwo Unterstützung, Bezug zu den Vätern oder neue Partner die sich genauso liebevoll kümmern, hier und da. Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir jedoch alleine. Alleine mit einem Baby. Alleine mit einem Kleinkind. Alleine mit zwei Kindern oder dreien. Alleine mit Anforderungen, die selbst auf mehreren Schultern nicht kleiner würden.

Meine Mutter war nicht immer die fähigste. Ihre Entscheidungen traf sie geschuldet ihrer Vergangenheit und ihres Alters lange daneben. Falsche Partner, Wege ins Nichts. Auch sie bekam im Laufe ihres Lebens gezeigt, welchen Stellenwert Frauen ohne Ehemann haben. Ich war von Geburt an krank, lag zwei Jahre im Krankenhaus. Für sie eine finanzielle Katastrophe. Ihre Ausbildung blieb lange auf der Strecke. Arbeit gab es nur, wenn ihre Ansprüche daran gering blieben. Die DDR öffnete sich und es wurde schwieriger. Ihre Schultern sind ebenfalls breit und ihre Augen manchmal eisiger als Eis. Wenn sie lacht, wippen ihre blonden Locken auf und ab und ihre Wangen drücken die Augen zu kleinen Schlitzen.

Als ich Mutter wurde, hatte ich mich verlobt, war glücklich. Ich wollte diesen Mann heiraten und ein Leben mit ihm aufbauen. Ich bin mir sicher, diesen Gedanken hatten wir alle zu Beginn.

Nach einem Jahr Mutterschaft, neben dem Studium und immer den Haushalt schmeißend, geriet ich in Panik. Ein Kind, ein Leben unter Druck und ein Partner der mir nicht helfen konnte. Ich verließ ihn. Rückblickend weiß ich zwar warum, fühle mich aber oft töricht ob der Entscheidung. Es wäre sicherer gewesen zu bleiben. Es wäre anstrengend gewesen zu bleiben.

Das Erbe meiner Großmutter, das Erbe meiner Mutter, ist die Unabhängigkeit. Der Fleiß. Dieser Tatendrang. Sich nicht zum Opfer zu machen, sondern immer wieder aufzustehen. Sich einer Gesellschaft nicht zu verschließen, sondern aktiv darin mitzuwirken.

Meine Großmutter ist heute die Frau die sie sein wollte. Sie verreist viel, ist immer auf Achse. Sie holt ihre Tochter alle zwei Wochenenden zu sich nach Hause, aber hat ihr sonst ein selbstbestimmtes Leben in einer guten Einrichtung ermöglicht. Sie kämpft für ihre Rechte und die eigenen. Das Recht darauf eine Frau zu sein, nicht nur Mutter. Das Recht sich gesehen zu fühlen, unabhängig vom Status. Sie ist mehr als eine Alleinerziehende. Sie ist eine starke und schöne Frau bis ins hohe Alter.

Meine Mutter verhedderte sich lange in giftigen Beziehungen. Es war ihr wichtig nicht alleine zu bleiben. Drei Kinder später, davon nur ein Kind tatsächlich gesund und geistig völlig normal entwickelt (aber was ist schon normal?), brachte sie nicht nur uns durch das Leben, sondern auch endlich die starke und schöne Frau in Sicherheit. Sie lebt heute alleine und glücklich. Ihre Unabhängigkeit kam mit dem Ende der Beziehung. Sie hat sich mit fünfzig neu erfunden und aufbewahren können, was ihr mit der Geburt ihres ersten Kindes verloren geglaubt war: Frau sein, nicht nur Mutter.

Ich war nie gut darin meine Kinder mit anderen großzuziehen. Mir waren die Partner zu unzuverlässig. Meine Vorbilder hatten mich gelehrt, was es bedeutet Kraft und Energie für ein Leben voller Möglichkeiten zu haben. Eine Möglichkeit bestand darin alleine zu leben. Alleine oder in Partnerschaften die Kinder großzuziehen. Sich nicht zu vergessen.

Wenn ich etwas in mir nachspüren kann, dann ist es der Schmerz meiner Familie. Das Leid. Die Verletzungen. Es sind ihre Gefühle und Gedanken. Hoffnungen die starben und neue Ideen die sich ergaben. Ihre Fehler und Erfahrungen sind mein Profit. Ich lerne von ihnen und ergänze.

Wenn „Alleinerziehend“ etwas bedeuten kann, dann wohl, dass wir immer noch wir sind, aber mit einer Aufgabe betraut wurden, die uns noch um einiges schöner geformt hat.

Ich bin dankbar für mein schwurbeliges Leben. Für meine harte Vergangenheit und die Erfahrungen meiner Familie. Für die Stärke die sie mir geben konnten, gespeist aus ihrer eigenen Erfahrung. Für den Lebensgeist, diesen unbändigen Willen und das Wissen, dass ohne Fleiß niemand von uns bewältigen würde, was wir bewältigen mussten. Nichts fällt in den Schoß, es erfordert eine Menge Courage und Kraft.

An alle Alleinerziehenden: wir wollen nicht stark sein, wir sind es.

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