BERLINER UND BERLINERIN

Diese Liebeserklärung war längst überfällig! Berlingeborene vereinigt euch und bezieht Stellung zu all den Vorurteilen, Nachrufen auf vergangene Zeiten und dem Schmutz der uns anlastet.

Oder lasst es bleiben.

Denn was kümmert uns die Deutungshoheit irgendeiner Provinzzugezogenen, die Dörfler und Kinder ihrer reichen Eltern aus dem Süden oder Norden dieses Landes?

Wir sind rüde, haben sie gesagt. Berliner Schnauze gilt als Kompliment unter den Beleidigungen.

Unsere Straßen sind verstopft und dreckig. Die BVG immer zu spät und die Bahn erst gar nicht im Einsatz. Unsere Clubs ziehen Millionen in die Metropole. Studenten verweilen und gründen vor dem Absturz lieber eine Familie. Danach klagt es sich umso schöner von Szenebezirk zu Kurortgefühl.

Natürlich wollen auch wir Alteingesessene sanierte Wohnungen und niemand vermisst tatsächlich das Klo im Hinterhof. Teure Mieten und Verdrängung an den Stadtrand, lässt aber auch den sonst so coolen Berliner schwitzen.

Da wo andere sich in Höflichkeit spreizen, sagen wir was Sache ist. Keine falsche Scheu, kein Optimismus wo er nicht hingehört. Wir sind ein armes Volk. Wir ham nüscht und wir jebm och nüscht! Na ja, fast. Wir streuen altes Brot am Alex, den Tauben, unseren Ratten der Lüfte, entgegen. Geben Mal ne Mark und Mal drei Cent in die Portokasse unseres Stammbäckers und selbst die achte Bettlerin im U-Bahnhof kann uns nicht schrecken. Wir kommen von ganz unten und wissen wie sich das anfühlt.

Klar, auch wir sind Kinder von Einwanderern. Unsere Großeltern aus Polen, Sachsen oder dem Norden. Wir sind eine Suppe aus Arbeitern und Bauern. Im Westen sitzen wir neben Türken fünfter Generation und weigern uns sie Deutsche zu nennen. Wir wuchsen mit Russen und Vietnamesen auf, aber ihre Kulturen bleiben uns fremd. Berliner zu sein, verpflichtet zu einem dicken Fell. Ein dickes Fell will weder gestreichelt noch gezogen werden. Einfach nur existieren.

Wenn von Außen jemand kommt, reagieren wir mitunter Achsel zuckend. Was soll schon sein? Wieder ein See voller. Wieder eine Universität bis unters Dach gefüllt mit unterschiedlichen Dialekten und Ansichten. Wir leben ja hier kein Wunschkonzert.

Und so ist es an jedem Berliner, sich nicht so anzustellen, wenn in der Bahn alle nach Schweiß riechen, die Straßen verstopft sind und die Wohnung dreihundert Prozent teurer vermietet wird.

Unser Herz zeigt sich immer dann, wenn es um Akzeptanz des Unveränderlichen geht. Wir haben keinen Einfluss auf den Wandel. Wir laufen immer weiter, immer mit.

Manchmal, zum Trotz, weil Tante Erna keinen Platz im Altenheim findet oder die Kitas brechend voll sind, während in Westdeutschland noch viele Mütter zu Hause bleiben, wählt jemand die falsche Partei. Da wird sich kurz gerührt, wenn auch in die verkehrte Richtung.

BerlinerInnen kauen lieber Nägel, gewöhnen sich an die neue Form der Metamorphose und hoffen die dreckigen Parks und beschmierten Häuser schrecken ab. So wie früher, als alle ihre Söhne und Töchter vor dem Bahnhof Zoo warnten. Als Neukölln noch ein Garant für Bandenkriege war und der Prenzlauer Berg als Schimpfwort galt. Als Touristen kamen und wieder gingen. Als die Mundart noch klar abzugrenzen wusste woher du stammst. Als eine Identität noch nicht verwässert wurde und alle anderen akzeptierten, das ist die Heimat der Menschen die hier leben.

Berlin ist eine wunderbare Stadt, weil der Berliner sie so wunderbar sein lässt. Berührt von vielen. Geformt durch alle. Kein Moloch wie es so oft verächtlich heißt. Es ist ein Sammelbecken derer die unsichtbar bleiben wollen oder schillernd ans Licht treten. Für die,die Neues wagen oder die anderen, die ihr altes Leben loswerden müssen.

Berlin bedeutet Nächstenliebe. Eine Liebe die alle aufnimmt und jeden verschluckt. Eine Liebe, ein Gefühl, ein Leben.

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