HELDINNEN

In meiner Kindheit war ein Held stets männlich, stark und sanft zugleich, trug ein Cape und enge Strumpfhosen.

Später realisierte ich, meine größte Heldin muss meine Mutter gewesen sein, denn alte Aufsätze zeichneten dies ab. „Wer ist dein größtes Idol?“, lautete die Frage und meine Antwort war „Mama!“.

Ich weiß nicht, ob ich rückblickend noch so denke oder fühle. Die Ambivalenz zwischen treuer Kinderliebe und erwachsener Abwendung, macht es mir unmöglich mich zu entscheiden. Diese Frau hat unser Leben maßgeblich bestimmt, verursachte die Leiden und prägte mein ganzes späteres Leben wie kein zweiter Mensch. Ich verdanke ihr mein Leben. Ich verdanke ihr das Leben welches ich führe zu Teilen.

Ich war ihr viele Jahre lang eine Freundin geworden und gleichzeitig in unserer Verbundenheit ihr größter Feind. Die Liebe die wir einander gaben, hatte etwas von Abhängigkeit. Ich war lange ihr Anker, ihre Beschützerin und sie rückte manchmal aus der Pflicht meine Mutter zu sein. Eine Mutter die einfach nur da ist, beschützt, hilft, Grenzen aufzeigt und mir den Unterschied deutlich macht, was eine Freundschaft und was eine Familie zu sein vermag.

Wenn mir heute andere Mütter erzählen, sie seien die besten Freundinnen ihrer Kinder, kann ich nur staunen. Ich möchte nicht Freundin meiner Kinder sein. Sie sollen in mir eine verlässliche Bezugsperson sehen, eine Vertraute, aber keine Freundin.

Wir können spielen, toben, uns austauschen, aber weder sind sie dafür da sich meine Sorgen anzuhören, noch bin ich bereit mit ihnen jedes Fitzelchen meiner Lebenswelt zu teilen. Ich möchte sie nicht verwirren. Diese Welt ist verwirrend genug. Ich möchte ihnen so lange es geht Schutz bieten, bin aber auch diejenige, die sie aus dem Nest schubsen muss.

Freundschaft bedeutet eine Offenheit, die manche Kinderseele gar nicht aushalten kann. Kinder benötigen einen Rahmen, eine Verlässlichkeit die Freunde ihnen nicht immer geben werden. Freunde kommen und gehen, heißt es so schön. Familie sollte im Normalfall bleiben. Der Norm, nicht das Ideal sehe ich.

Natürlich ist es toll Kinder zu haben die sich einem immer und ständig anvertrauen. Es ist schön gebraucht zu werden und macht Spaß auf dem laufenden zu bleiben. Noch wichtiger als dieses Bedürfnis der Eltern, sollten aber die Bedürfnisse der Kinder bleiben. Autonomie, Abgrenzung, eigene Erfahrungen sammeln. Dies können sie tatsächlich nur mit gleichaltrigen Leuten lernen.

In einer Welt in der die Erwachsenen zu Freunden werden, verlernen Kinder den Umgang mit anderen Kindern. Sie sehnen sich nach Gesprächen mit den „Großen“. Sie hoffen auf deren Aufmerksamkeit und verlieren das Interesse am Kind sein. Ihre Kindheit endet, ihr Erwachsenalter beginnt. Oft viel zu früh.

Ich kannte alle Geschichten mehr oder minder ausführlich. Meine Mutter erzählte mir von den Schlägen des Stiefvaters, dass sie pleite war und zeigte mir ihre diversen Looks bevor sie mit Männern ausging. Daran ist an sich gar nichts verwerfliches und ich fand diese Aufmerksamkeit meiner Mama auch toll. Zunächst.

Später realisierte ich, dass es mir schwer fiel mich auf andere Kinder einzulassen. Ich holte mir ihren Rat ein, statt den der anderen Mädchen. Ich gewöhnte mir ihre Art zu Denken und Handeln an und wuchs aus dem Korsett der Kindheit heraus, obwohl ich es hätte noch eine Weile tragen müssen.

Wenn andere Kinder im Raum saßen, wählte ich den Platz bei meiner Mama. Ich lauschte ihren Gesprächen mit Freunden und wurde schnell um einiges ironischer als gleichaltrige Kinder. Die meisten verstanden mich nicht. Ich war ihnen auf eine Weise überlegen, sie mir auf andere. Zum Sonderling wurde ich im Jugendalter, weil es mir nicht gefiel wie die anderen Kids zu sein. Statt gegen meine Mutter zu rebellieren, mich auszuprobieren, blieb ich brav zu Hause und malte ihr Bilder. Ich ging mit ihr shoppen oder wir tranken Kaffee. Meine Freundinnen waren immer neidisch auf meine schöne, junge Mama. Ich voller Stolz.

Als ich eines Tages wieder zu ihr stehen wollte, sie gegen einen ihrer Männer verteidigte, mich ihr treu ergeben zeigte, da rief sie:“Hör damit auf! Du ruinierst meine Beziehung!“

Mir brach eine Welt zusammen. Dürfen Freundinnen sich nicht alles erzählen? Sind wir nicht verpflichtet ganz ehrliche Worte auszutauschen? Wenn ich doch immer alles hören darf, darf ich dann nicht auch alles sagen?

Und so verabschiedete ich mich von einer Freundin und wurde eine Tochter. Eine verletzte Tochter. Eine die als Freundin das Haus verlassen hätte, um sich eine neue Freundin zu suchen. Eine die zu jung war, um zu sehen, dass Streit dazugehört. Familie Zusammenhalt bedeutet.

Ich blieb. Ich blieb unsicher.

Familie kannte ich so nicht. Ein Vorbild war meine Mutter. Aber ein anderes. Und so habe ich viele Jahre gebraucht, um zu verstehen, dass ich meine eigenen Kinder anders großziehen möchte. Ihnen nicht zur besten Freundin werde und sie mir nichts schuldig sind.

Wir streiten, wir versöhnen uns, wir sind ehrlich und gleichzeitig auch mal sehr verschwiegen. Sie müssen mir nicht alles erzählen und ich ihnen unter Garantie auch nicht. Sie sind meine Kinder. Werden es immer bleiben. Keine Freunde. Kinder.

4 Kommentare zu „HELDINNEN

  1. Das hast Du wirklich sehr schön dargelegt! Und mit jeder Zeile verstärkte sich mein Kopfnicken. Ich wünsche Dir sehr, dass Deine Kinder das später einmal nicht genau so, aber ähnlich sehen werden.

    Liebe Grüße,
    Werner

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  2. Ja, da bin ich ganz dabei. Eltern, Mütter oder Väter, sind nur zeitweise und für bestimmte Aktionen Freunde oder Kumpel, sonst eben das: Eltern. Älter und abgeklärten, wissender, worauf es ankommt und der ganze Kram. Sonst läuft etwas falsch. Es gehört ja eh dazu, dass Autorität aus der Person kommt und dass sie zu Gruppen gehört, es muß schon jemand geben, der die Richtung und Regeln vorgibt und auf Einhaltung pocht. Wie sehr ist diskussionswürdig, aber alle jungen Geschöpfe brauchen Anleitung. Ohne unnötige Strenge, schon klar, aber auch mit klaren Ansagen.
    Aber, wegen des Anfangs (einer der besseren Filme von Mel Brooks: Männer in Strumpfhosen): es gibt da eine nette kleine Karikatur, wo das ältere Geschwister das jüngere ins elterliche Schlafzimmer, an Mutters Kleiderschrank führt. Und das dort hängende Superheldenkostüm zeigt mit den Worten: ich habs dir gesagt.
    Nachvollziehbar für viele Mütter in vielen Situationen und fast noch mehr für die Kinder, die über Mutters selbstverständliche Fähigkeiten staunen

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