DIE MENSCHLICHKEITS-LÜCKE

In den letzten Tagen dreht sich medial vieles um die schrecklichen Ereignisse in Deutschland. Zwangsläufig kommt es auch zu Überlegungen und Diskussionen, wie man solche Taten vermeiden, wem man sie in die Schuhe schieben kann und ob man hätte etwas verändern können.

Dabei stieß ich auf eine Aussage die da lautete, es handelt sich nicht um eine Sicherheitslücke, sondern eine Menschlichkeitslücke. Ein sehr treffender Begriff.

Es braucht nicht mehr Kameras und ein höheres Polizeiaufgebot. Es benötigt Menschlichkeit und Empathie.

Wer anderen Menschen Schäden zufügt oder zufügen möchte, kann nicht unbedingt gestoppt werden, indem man ihm das Gefühl der Dauerbeobachtung vermittelt. Vermutlich werden diese Menschen dann sogar, aus der unbequemen Lage in die Ecke gedrängt zu stehen, nur noch uneinsichtig und vielleicht aggressiver. Sehen wir es ein, Wut und Hass, aber auch Verzweiflung und Angst machen Menschen schwach. Wer sich schwach fühlt, sucht Auswege und Auswege nehmen manchmal die absurdesten Formen an.

Unsere Menschlichkeit. Was ist das überhaupt? Was unterscheidet uns vom Tier oder einem Stein? Sind die Unterschiede gravierend und weshalb gibt es diesen Begriff, der uns eine Fähigkeit der Überlegenheit unterstellen soll?

Ist es nicht menschlicher, auszubeuten oder zu schaden? Ist es nicht auch menschlich, ständig wegzusehen, sich nicht beschäftigen zu wollen, mit all dem Leid der anderen? Ist es nicht menschlich, seinen Arsch immer als erstes an die Wand zu bekommen?

Es ist nicht weniger menschlich sich schlecht zu verhalten, wie gut. Es ist nicht immer klar zu trennen, wo wir uns noch von Tieren und Steinen unterscheiden. Es ist nicht immer leicht, Menschlichkeit zu bewahren, wenn andere uns unmenschlich erscheinen und es ist manchmal leichter einem Tier Menschlichkeit anzuerkennen, als unserem Gegenüber.

Wir brauchen diesen Begriff, um uns zu erinnern. An eine Gesellschaft. An ein Miteinander. An eine Welt die wir zwar nicht ganz begreifen, die uns aber nicht ängstigen soll.

Wir wollen uns einreden, dass all die Menschen die tagtäglich unseren Weg kreuzen freundlich und harmlos sind. Für eine Vielzahl trifft diese Aussage zu.

Wir würden vor die Hunde gehen, wenn uns die Unmenschlichkeit bewusst würde. Die Qualen die wir im Stande sind zu bereiten. Der Hass, die Wut, die Abscheu in uns und dem anderen.

Wir würden uns bis auf’s Blut bewaffnen, wenn wir in die Köpfe und Herzen der anderen sehen könnten. Dahin, wo wir keinen Zutritt gewährt bekommen. Wo wir Zutritt verweigern.

Menschlichkeit ist ein Gerücht. Es ist eine Idee sich und andere zu schützen. Es ist ein Mittel, sich sicher zu fühlen. Wenn uns die Menschlichkeit fehlt, nützen uns auch Polizei und Kameras nichts. Wir bleiben ängstliche kleine Kinder, die sich fragen müssen, was im anderen vor sich geht.

Bewahrt euch die Menschlichkeit, meine Lieben.

2 Kommentare zu „DIE MENSCHLICHKEITS-LÜCKE

  1. War es nicht Böll, der von dem vergessenen Schlachtruf der Revolution sprach, dem dritten Wort, der Brüderlichkeit? Während uniformierte Menschenmassen im Namen einer Frei- wie auch einer Gleichheit aufeinander zuwalzten, brüllten und schossen war sie sehr allein. Keiner rief laut ihren Namen.
    Was aber den Unterschied von Steinen und Tieren anbelangt, nun, wir sollten vielleicht öfter vor oder unter die Hunde gehen, dort lernt man nämlich Sozialverhalten und Empathie. In einer Fremdsprache, zugegeben, aber doch recht verständlich. Unser menschliches Problem ist, dass wir die ursprünglichen Verhaltensregeln kraft unserer technischen Mittel – es gibt nun mal keinen natürlichen Verhaltenskodex für Schießgewehre und Atombomben – und unseres clever Ausreden produzierenden Großhirns (da ist es noch phantasievoller als beim Erfinden noch ausgefeilteren Tötungsmaschinerien) außer Kraft setzen können, das unterscheidet uns von den sogenannten höheren Tieren, etwa dem erwähnten Hund oder der lieben äffischen Verwandtschaft.
    Es ist doch seltsam, dass sattsam bekannte Figuren wie etwa Gandhi, Mandela, der historisch etwas undeutliche Jesus von Nazareth selbst, der (einst?) berühmte Urwalddoktor, Dunant und die vielen, vielen anderen Männer und Frauen so wenig Vorbildcharakter entwickeln. Sondern die Prediger des Hasses, der Ausgrenzung und ihre ausführenden Jünger. Schade ist das zum einen, zum anderen müssen wir uns fragen und fragen lassen, welchen Nerv die Wüteriche treffen. Wie groß ist dein, so frage sich jeder selbst, Bedürfnis, dem dreckigen Bettler in der Fußgängerzone (Mutter Theresa z.B. hätts getan) die offenen Füße zu verbinden, wie groß das, der blöden Tussi aus der anderen Gruppe mal so richtig eins auszuwischen? Ja doch, ich auch. Wenn ich ehrlich bin habe ich schneller und öfter das zweite Bedürfnis. Schade, nicht wahr?

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    1. Hübscher Text. Ich bin hier am Morgen selten fasziniert und überrascht zugleich, ob der Tatsache, dass jemand sich die Mühe macht, sich so viele Gedanken über meine Gedanken zu machen. Also vielen Dank dafür zuerst einmal! Zu allem anderen, bzw. deiner letzten vermutlich rhetorischen Frage: natürlich bin auch ich nicht geschützt vor der eigenen Kleinkariertheit, dem Wunsch nach Sicherheit und Bequemlichkeit. Wer meine Texte liest, erkennt eine Menge Selbstkritik (ich setze am liebsten da an, wo ich mich am besten auskenne und das bin nun einmal ich selbst). Aber ja, ich habe schon fünf Jahre ehrenamtlich Demenzkranken die Schuhe gebunden und den Speichel vom Kinn gewischt. Ich habe korsakowkranken Menschen auch die Windel gewechselt und meinem krebskranken Großvater im Hospiz die Hand gehalten. Es ist lustig, aber als mir die Welt mal zu viel wurde, habe ich im Streit gebrüllt:“Ich bin die verfickte Mutter Theresa, also lasst mich doch alle mal in Ruhe!“. Kleine Randanekdote von mir. 😉 Wieso wir uns aber tatsächlich häufiger mit den vermutet starken und gefährlichen Vorbildern dieser Welt auseinander setzen, Geschichte in neuem Gewand wiederholen und Gelerntes allerhöchstens zum Eigennutz anwenden? Keine Ahnung. Spannende Frage. Danke für den Input. Grüße

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