DER FEIND DEN ICH BRAUCHE

Die postmoderne Generation voller Comicfans, Leseratten von Kriminalromanen und Netflixern bestimmter Sparten, kennt folgende Regel: jeder Held braucht einen Gegenspieler, jeder Bösewicht einen an dem er sich abarbeitet. Alles Yin sein Yang, alle Ruhe einen Sturm.

Die Welt wäre ein besserer Ort, würden wir alle in Frieden miteinander einig bleiben, hätten wir Nichts am anderen auszusetzen und am Ende stirbt es sich vermutlich vor Langeweile zu Tode.

Wer sich immer wieder genau wie ich fragt, warum es den Hashtag #Tinder nur noch auf Twitter gibt, um sich über die VersagerInnen lustig zu machen, die einem wiederholt ins Netz gingen – Wieso es scheinbar Normalität sei sich immer und immer wieder dem gleichen Horror auszusetzen, obwohl man vielleicht noch in selber Nacht, so es überhaupt zum Date kam, beklagt wie ätzend das Gegenüber sich verhalten hat – Warum all diese Erfahrungen nicht dazu führten, sich einfach von all dem Irrsinn zu lösen, der hat den Nutzen des Gegenspielers nicht verstanden.

Worüber würden Autoren schreiben, wenn ihre Heldin nicht permanenter Willkür, dreisten Mechanismen und einem harten Gegenwind ausgesetzt wäre? Wer würde Bücher lesen, in denen ganze Utopien störungsfrei vor sich hinexistieren könnten? Wie viele FollowerInnen bekäme ich, wenn ich nicht in permanenter schlechter Laune meinen Alltag zu einem Fest der Sinne hochstilisieren würde?

Vermutlich wäre es nicht nur langweilig sich mit dem anderen auseinander zu setzen, nein, binnen kürzester Zeit wäre mir meine Zeit auch zu kostbar. Ich könnte gänzlich ohne den Tratsch und die ganzen Emotionen einfach eine Spaziergang machen, Ausflüge ans Meer planen und Geld beiseite legen, an den Wochenenden an denen ich in irgendeinem Café Eis verkauft hätte. Es wäre mir vielleicht möglich mich anderen wichtigen Themen zu widmen, wie der Frage nach einer Kohlekraft-Alternative oder ob es wirklich notwendig ist fünfmal die Woche baden zu gehen.

Stattdessen kümmern mich die Gedanken und Sorgen der anderen genau so intensiv wie um meine. Ich lebe ihre Geschichten mit. Bin hautnahe dabei, wenn wir uns alle bis auf die Haut entkleiden und unser Inneres nach außen krempeln. Wonach sehnt sich unser Herz, wenn nicht nach Berührung? Und was berührt so sehr wie Leid und Sehnsucht?

Was uns den Alltag erleichtert, ist die Mentalität alles was wir vermissen (Geld, Sicherheit, Liebe, Nähe, Sorglosigkeit), auszugleichen. Wenn es uns nicht möglich ist Gleichungen der Quantenphysik zu lösen, ein Mittel gegen AIDS zu erfinden oder die Welt auf einem Segelboot zu erkunden, lehnen wir uns auf dem Sofa zurück und stöbern online durch fremde Leben. Da erkennen wir unser trostloses Sein vielleicht wieder und schaffen uns Probleme die keine sind, Feinde die keine sein müssten und kreieren eine Wut und viel Hass, damit wir die Gefühle der Einsamkeit und des Verlustes irgendwie überspielen können.

So war Superman vermutlich lange sehr einsam und alleine, mit seinem Geheimnis, ohne lebende Verwandte, ohne Liebe und immerzu Gefangener seines Doppellebens (zwei Jobs! Und einer davon sehr undankbar). Er brauchte seine GegenspielerInnen. Menschen und Monster an denen es sich reiben ließ, die ihn etwas fühlen ließen, die wiederum ihn brauchten für Selbiges.

Wer alleine ist und sich schrecklich langweilt in seinem Leben, umkreist gerne lange das, was dem Leben kurzfristige Kicks gibt. Dies kann das allabendliche Glas Wein sein, der Joint auf dem Balkon, das Koks auf einer Party, die Masturbation zu den allerschlimmsten Pornos, die Wut auf alle Kollegen im Job, die Wut auf den Partner zu Hause, die Wut auf den Staat, die Wut auf alle Männer oder Frauen dieser Welt. Um sich diesen Hass nicht auch noch nehmen zu lassen, muss man ihn pflegen. Sich ihm hingeben.

Wir sind gefangen in unserer Blase, jede/r in seiner/ ihrer. Und die Nachbarn in der eigenen anderen Blase sehen das, reagieren darauf, aber niemand, weder wir noch sie, sind in der Lage tatsächlich auszubrechen. Unsere Leben gaukeln uns Kontrolle vor. Wenn nicht wir, wer hat sie dann?

Alles was wir tatsächlich haben, ist die absolute Sicherheit, dass wir nichts mit Sicherheit haben. Bis auf den Sprung in der Schüssel.

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