KINDER UND DIESER DRUCK

Gestern fragte mein Partner, ob ich das Gefühl hätte, Kinder seien sehr viel unselbständiger als damals und woran das liegen könne. Er zählte Beispiele auf, die insbesondere auf GroßstädterInnen zutreffen. Kinder die nachmittags zum Beispiel nicht mehr einfach so rausgingen zum Spielen. Oder Kinder, die lieber am Wochenende vor dem Computer säßen, statt im Park Unsinn anzustellen.

Nach kurzer Überlegung, stimmte ich ihm soweit zu.

Wir gingen in die Diskussion und er warf die Eltern in den Ring der VerursacherInnen.

Ja, die Eltern. Sicherlich. Diese formen das Bild vom Kind.

Aber:

Das aktuelle Bild vom Kind wird eigentlich immer von der gesamten Gesellschaft geformt.

Waren früher andere Werte wichtig und Kinder weder Statussymbol noch grotesk nahe (heute sind sie oftmals die Freunde der Erwachsenen und wir begegnen ihnen auf Augenhöhe), sondern liefen eher so mit. Die Eltern verdienten das Geld und die Kinder sollten keinen Stress machen. Das ging am besten, wenn sie bis 18 Uhr draußen mit Freunden tobten.

Irgendwann fiel auf, für eine erfolgreiche Gesellschaft, eine reiche Wirtschaft und eine Prestige-Zukunft, benötigen wir unsere Kinder. Sie sind die Hoffnung auf alle Besserung. Sie schaffen die Zukunft. So heißt es seit Jahren und der Druck ist immens.

Wer aber setzt sich dem Druck aus? Genau. Eltern!

Bereits im Babyalter beginnen die ersten Angebote, um das Kind zu fördern und zu formen. Babyschwimmen, Pekip usw. Eltern rotten sich zusammen und stellen ihr Kind zur Schau. Es wird verglichen und gebuhlt. „Mein Kind steht schon!“ „Mein Kind hält alleine die Rassel!“ „Mein Kind hat neulich zu Chopin gefurzt!“

Wir sehen die Kinder als Statussymbol an. Diese Marktlücke ist längst erkannt und gestopft worden und in der Schwangerschaft wäre es ebenso möglich bereits zu fördern und zu projizieren, soweit die Phantasie reicht.

Da sind sie nun also. Gewünscht oder nicht, aber all unsere Erwartungen und Hoffnungen stecken nun in ihnen. Wir hoffen sie sind bei bester Gesundheit, damit wir gleich loslegen können mit der unnötigen Frühförderung. Ergotherapie und Logopädie in der Kita, Fußball und Englisch am Nachmittag.

Wie sollen Kinder denn tatsächlich gleichaltrige Freunde finden, wenn sie den halben Tag verplant sind? Da heißt es dann zwar: im Verein oder der AG sind doch Freunde!

Aber haben unsere Kinder sich die Mühe machen dürfen diese alleine auszuwählen? Sie wurden zusammengesteckt und spielen mitunter das Spiel ihrer Eltern mit. Echte Freundschaften entwickeln sich eventuell gar nicht, denn wer in Konkurrenz zueinander steht, hat selten Lust am Wochenende auch noch die Spielsachen zu teilen.

In der Schule geht es weiter. Die Eltern fahren ihre Kinder zur Schule, setzen sie ab, halten sie fest und holen sie nachdem Klingeln vor dem Tor, um zum nächsten förderlichen Kurs zu fahren. Während man früher im See noch nebenbei Schwimmen lernte, wird heute in der Kita der teure Kurs, meist seit Monaten ausgebucht, bezahlt. In der Schule wäre man in der dritten Klasse dran. Als ob die Kinder sich jemals vorher alleine im Schwimmbad treffen dürften, liebe Eltern! Es dient lediglich der Beruhigung: mein Kind kann.

Und so fahren Eltern ihre Kinder dreimal die Woche in einen Verein, zum Sprachkurs oder in die Therapiestunde und keinen wundert es, dass nie Freunde anrufen? Das nie jemand nachmittags klingelt oder man lautes Lachen aus dem Jugendzimmer hört?

Wer nachmittags keine Zeit für Freunde hat, sondern feste Termine, kann keine Kindheit mehr besitzen. Es sind kleine Erwachsene die wenig Zeit haben. Wenig Raum. Wenig Luft.

Sie gehen von A nach B und haben teilweise schon alles gehört und gesehen, wissen aber nicht mehr wie man Klingelstreiche spielt oder ein Ei in der Pfanne braten kann. Sie haben sich nie ernsthaft das Knie aufgeschlagen und sind kreischend bei Rot über die Ampel gerannt, als Mutprobe.

Uns Eltern wird gesagt, unsere Kinder seien die Zukunft. Wir sehen in ihnen also nur das.

Auf ihren kleinen schmalen Schultern lastet die ganze Welt und wir setzen uns diesem Druck aus, weil wir Angst haben. Aber wovor?

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