STANDPUNKT DOPPELMORAL DIE HUNDERTSTE

Es geht mal wieder nicht anders. Die in mir aufsteigenden Gefühle Ungerechtigkeiten zu benennen, um vielleicht zu sensibilisieren, aber mir im Grunde nur Luft machen zu wollen, sind groß.

Doppelmoral ist, oder hat man, wenn man anderen etwas vorwirft, was man bei sich selbst in welcher Form auch immer, sehr gut toleriert.

Ist man zum Beispiel wütend auf Menschen die den eigenen Körper oder den anderer Frauen bewerten? Gut! Kann man sich selbst aber von diesem Verhalten freisprechen? Eher selten. Da wird gelobt, wenn die Kollegin besonders schlank aussieht im neuen Sommerkleid. Oder im Fernsehen wird über das magere Model gelästert. Es wird der zu kleine Penis des Exfreundes diskutiert und die Wampe des Bauarbeiters auf Twitter zum Eklat gemacht.

Es ist wie es ist. Wir sind sehr visuelle Menschen. Was sich unserer Ästhetik entzieht, fällt nicht selten durchs Raster. Weiße und wabbelige Haut wird dann durch die Modezeitschriften gepeitscht, als sei es nicht natürlich Cellulite zu bekommen, sondern ein Anzeichen von Faulheit und Maßlosigkeit. Selbst wenn? Wen stört es, außer dem Besitzer/der Besitzerin selbst?

Fernsehshows und Internetauftritte vieler Generationen zeigen ebenfalls, die Konsumenten sind bereit sich trotz aller Wut im Bauch über die Oberflächlichkeit der Medien, immer wieder willig dem gängigen Programm zu unterwerfen. Diäten, Fitness, Sport, Schönheit, Perfektion. Dazwischen ein paar Trashbilder, um so etwas wie Normalität zu erzeugen oder jemanden das Gefühl zu geben „Es geht auch schlimmer!“. Denn natürlich, je älter, weicher, runzliger oder dicker wir werden, umso stärker wächst der Wunsch nach Gerechtigkeit.

Da funktioniert es wie in der Politik. Junge PolitikerInnen mögen sich mit Kompetenzbereichen auseinandersetzen, die sie noch aus Studienzeit angeeignet haben. Je älter sie werden, umso deutlicher wird Pflege, Rente und Vorsorge wichtig. Da geht’s nicht mehr um die Umwelt oder Nachhaltigkeit, sondern um das hier und jetzt.

Wenn ich also eben noch eine schlanke Frau war, der Fitness wichtig schien, die gerne schmolllippige Selfies hochlud, wird damit zunehmendem Alter peinlicher und ich versuche genau da auch allen anderen zu erklären wie dämlich wir aussehen, wenn wir der ewigen Jugend nachrennen.

Aber ist mir meine Doppelmoral bewusst?

Ist es okay, Doppelmoral zu haben?

Natürlich. In homöopathischen Dosen.

Ich kann für die Rettung der Flüchtlinge sein und dennoch sagen, ich würde aus persönlichen Gründen keinen bei mir zu Hause aufnehmen können. Ich kann sagen, gegen Atomkraft und Kohlestrom zu sein, aber so lange ich keine günstige Lösung geboten bekomme, mein Fleisch bei Aldi kaufen. Ich kann für den Feminismus einstehen, ohne jemals auch nur eine Demonstration besucht zu haben usw.

Was ich nicht tun sollte, ist von mir, meinem Empfinden und meinem Verhalten abzulenken, andere schlecht zu machen und mich kein Stück besser zu benehmen. Ich kann nicht mit dem Finger auf andere zeigen, ohne vier Finger gegen mich zu richten. Ich muss mich überprüfen und mir eingestehen: so bin ich ja auch und das ist grotesk.

Wer sich positionieren möchte, tue das am besten immer, indem er Lösungen anbietet und Vorbild ist. Alles andere wirkt nicht authentisch. Macht Argumente schwach. Lässt Zweiflern zu viel Spielraum.

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