KEINE ENTSCHULDIGUNGEN MEHR

Wie oft mussten wir Frauen uns sagen lassen, neben Beruf und Kindern sei es doch ein Leichtes, unsere Körper fit zu halten. Es sei keine Entschuldigung, Haushalt, Einkäufe, Freizeit, Freunde und Organisatorisches vorzuschieben. Es sei an uns, den Arsch hoch und straff zu bekommen.

Nun gut. Ich würde gerne behaupten diese Unterstellungen kämen ausschließlich von Männern, aber weit gefehlt. Es sind insbesondere Frauen, die uns immer wieder medial dazu antreiben die sogenannte Work-Life- Bla Bla zu zelebrieren, uns schlecht zu fühlen, wenn wir an diesen Ansprüchen scheitern und uns selbst sowie andere Frauen dafür hassen.

Natürlich gibt es Frauen die zum einen mit wunderbarer Genetik gesegnet wurden und anderseits auch den Job ihr Eigen nennen, der viel Zeit für Diät und Sport ermöglicht. Vermutlich haben sie außerdem das Glück, einen Partner/eine Partnerin zu haben, die unterstützend die Kinder bespaßen, während sie sich auf dem Fitnessband trimmen und ihre Schenkel abends mit verjüngender Creme bearbeiten.

Im Selbstversuch habe ich mich über den Urlaub und die zugegebenermaßen lässige Sommerzeit auf Arbeit mal wieder ausschließlich damit beschäftigt, meinen Körper zu quälen. Ich wurde leider weder mit einer vorteilhaften Haut, noch einem straffen Bindegewebe gesegnet. Für meine Figur muss ich hart arbeiten und nackig sehe ich dann trotzdem nicht aus wie ein Supermodel. Drauf geschissen.

Was aber nervt, selbst an den wenigen kinderfreien Tagen die mir die sechseinhalb Wochen Ferien bescherten (es sind insgesamt fünf), war es mir nicht möglich mich vollumfänglich auf all meine Interessen, inklusive Sport, zu konzentrieren.

Da war zum Beispiel der Haushalt. Ich putzte, ich fegte, die Wäsche und der Abwasch wurden erledigt und nebenbei kochte ich gesunden grünen Tee, einen Kaffee und versuchte ausgewogen zu kochen (Salat mit Tofu). Klar, mit einer Putzfrau im Anschlag und ggf. einem Koch, wäre ich frei gewesen für die wirklich spannenden Dinge im Urlaub. Freunde besuchen zum Beispiel. Ausstellungen oder einen Strandtag planen. Stattdessen nutzte ich die erste Putzpause zum Einkaufen. Danach kam ich Heim und machte Sport. Direkt nach dem Aufstehen, hatte ich ebenfalls schon eine halbe Stunde Training absolviert, aber ich fühlte mich noch immer nicht straff. Außerdem schaffte ich es irgendwie meine Nägel zu lackieren und für den Sommer passende Pediküre und Gesichtspflege durchzuziehen. Wie? Keine Ahnung.

Wären meine Kinder heute dabei, wäre ich gescheitert. Ich hätte spielen müssen, eine Ausflug durchführen, Mittag kochen, nach ihren Bedürfnissen und nicht meinen. Wäre zusätzlich noch ein Arbeitstag, hätte ich ganz sicher für gar nichts Zeit vor 19 Uhr. Haushalt liefe dann unter ferner liefen und Freizeit fände nicht vor halb neun statt.

Aber nun gut. Ich habe ja frei. Also trank ich zwei Liter grünen Tee und aß meinen Salat. Dann telefonierte ich mit Freundinnen. Kontakte wollen gepflegt werden. So diese noch vorhanden. Denn sind wir mal ehrlich, wer hat noch Zeit für Freunde, wenn die nicht eben im Nachbarhaus wohnen und in selber Situation sind? Wer Kinder hat, kennt die Misere.

Also mache ich nebenbei weiter. Putzen, werkeln, es läuft sogar eine Serie im Hintergrund. Quality Time. Haha.

Ich dusche mich nochmal kalt ab. Gut für die Schenkel! Außerdem ist es sehr heiß in der Bude. Ich schreibe wichtige Nachrichten und weil ja Freitag ist, kann ich noch ein paar Angelegenheiten klären. Meist sowas wie Amtstermine eintragen, mit der Bank sprechen, Urlaube und Organisationen für Kita, Schule und Arbeit klären. Ich habe die Schulaufgaben meines Kindes vor mir liegen, denn es braucht Nachhilfe in Englisch. Danach wieder Sport, denn mein Körper sieht ja immer noch nicht straff und fit aus.

Endlich Mittagsruhe, denke ich gegen drei. In drei Stunden kommt der Freund. Also lege ich mich erschöpft hin. Ich finde aber keine Ruhe. Stattdessen wasche ich noch eine Wäsche, bereite Kaffee zu uns mache mir endlich mal eine Haarkur rein. Dazu habe ich sonst ja kaum Zeit. Vom Tee und Kaffee muss ich unterdessen schon das achte Mal pinkeln.

Eine Stunde bevor der Mann kommt, habe ich weder geruht, noch das Training vergessen. Instagram rät mir zu zwanzig Minuten am Tag. Ich nehme meine 7×20 Minuten einfach alle an einem Tag, dann habe ich den Rest der Woche Ruhe, hoffe ich.

Als es zehn Minuten zu früh klingelt, bin ich angezogen, geschminkt, meine Nägel sehen schon nicht mehr frisch aus (Nagellack hält nicht, wenn man die Handwäsche macht) und ein süßlicher Schweißgeruch hängt wieder in meinem Top. Die vorhin in Eile rasierten Beine pieken doch glatt gegen meinen Stoff. Ich könnte schreien!

Der Freund umarmt mich. Ich bin müde. Er will essen gehen. Ich habe kein Geld, keine Lust, aber raffe mich auf. In die Hitze. In eine Gesellschaft, in der es scheinbar möglich ist uns Frauen das schlechte Gewissen mit der Muttermilch einzuflößen. In der man uns glauben lässt, wir seien faul und selbst Schuld.

Ich entschuldige mich nicht mehr! Mein Selbstversuch hat es mir gezeigt..unsere Welt ist krank, wenn sie uns einreden will sowas sei normal. Ist es nicht. Die Norm sieht anders aus!

6 Kommentare zu „KEINE ENTSCHULDIGUNGEN MEHR

  1. Verzeih falls ich mich irre, denn das würde dich wohl berechtigt provozieren.
    Aber wie viele Männer haben das schon zu dir gesagt?
    Gut, dass ich mir das kaum vorstellen kann, heißt natürlich nicht dass es nicht passiert.
    Aber ist es nicht eher so dass nicht auch, sondern vor allem Frauen das zueinander sagen? Frauen werden in unserer Gesellschaft oft zu übertriebenen Perfektionisten herangezogen, die das nicht nur von sich selbst, sondern auch Anderen erwarten.
    Weil man immer wieder suggeriert bekommt nur dann etwas wert zu sein.
    Ich -glaube- dass die wenigsten Männer so denken.

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    1. Ich dachte genau dies hätte ich auch eingangs geschrieben…? Ich bin immer wieder überrascht wie häufig Frauen, sogenannte Frauen zugeschnittene Medienformate usw. genau diese Botschaft verbreiten. Keine Ahnung was zuerst da war, Huhn oder Ei, Mann der das wollte und Frau die es bediente, Frauen die sich so definieren und Medien die dies gerne bedienen…aber es nervt.

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      1. Ich wollte nur anmerken dass ich legasthenische Tendenzen besitze. Das ist natürlich nicht das selbe, aber irgendwie ordne ich es dort ein. Als Kind merkte man das viel stärker als jetzt. Es passiert mir auch nur sehr selten. Aber ab und an, habe ich die Gabe etwas völlig anderes zu lesen als dort steht. Oder vielleicht passiert das auch jedem mal. Auf jeden Fall ist mir dies nun peinlich. Sieh es mir bitte nach, auch wenn ich nicht das Gefühl habe dass es dich gereizt hätte.

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      2. Ach nein, ich finde es weder verwerflich sich zu irren, noch tragisch diese Irrungen kurz aufzuklären. Macht doch Sinn sich über Texte auszutauschen. Und dein Input hat meine Beobachtungen noch gestützt. Auch für mich interessant.

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