LIPPENSTIFT UND BLONDES HAAR

In diesem Text geht es nicht um Pflegeprodukte oder optische Schönheitsmerkmale. Es geht um Gewalt.

Ich bin eher zufällig auf eine in den Medien bekannte Influencerin gestoßen, die scheinbar von ihrem Expartner angespuckt und mutmaßlich auch geschlagen wurde. Ob diese Tat tatsächlich so stattgefunden hat, wissen nur die zwei tatsächlich. Was ich sehen konnte, war das übliche Bild der hübschen Frau, die aufgrund ihrer Außenwirkung als eigentlich Schuldige manifestiert wird. Die Böse, die Lolita, die Scheinheiligkeit in Person, weil sie sich pflegt, weil sie gerne in der Öffentlichkeit steht und sie eine Frau ist, muss sie ihren ehemaligen Partner zu dieser Tat gedrängt haben oder zumindest lügen.

So finden sich Kommentare wieder, in denen gefragt wird wieso das sogenannte Opfer hier nicht Anzeige erstatten würde?

Aus eigener Erfahrung weiß ich, Frauen oder allgemein Opfer, zeigen den Partner selten an und da viele Anzeigen sowieso ins Nichts laufen, aber teilweise jahrelange Prozesse nach sich ziehen, geht man diesen Weg ungern.

Man wurde ja bereits beschmutzt, verhöhnt und sich seiner eigenen Schwäche bewusst. Jemand hat die Liebe ausgenutzt, sie obsolet werden lassen, mit Füßen getreten. Jemand kam und machte eindrucksvoll klar „Ich bin der Stärkere und du bist schwach!“.

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass all die Missetaten da draußen jemals von eben diesen nach Gerechtigkeit schreienden Wüterichen angezeigt würden. Einer zwanzigjährigen Frau so viel Kraft aufzubürden, müsste sich eigentlich von selbst ausschließen.

Es wurde außerdem unterstellt, ihre Mutter hätte ja selbst diverse Expartner bezichtigt Gewalttaten an ihr verübt zu haben. Alles Lügen, sowas scheint nur einmal im Leben zu passieren!

Das Gegenteil ist der Fall. Statistiken sprechen eine sehr deutliche Sprache. Wer einmal Opfer von Gewalt war, kann es sehr viel häufiger wieder werden. Wir leben unser Muster. Manchmal öfter als uns gut tut.

Noch schlimmer aber die Tatsache: wer als Kind bereits die Erfahrung machen musste, dass die Mutter regelmäßig geschlagen und erniedrigt wurde, spinnt diese später in eigener Geschichte weiter. Nicht immer, aber immer wieder.

Es ist also nicht ungewöhnlich, dass die Mutter bereits mehrfach ähnliche Erfahrungen gemacht hat und die Tochter ggf. nachzieht.

Es ist leider auch nicht ungewöhnlich, dass selbst andere Frauen den zumeist weiblichen Opfern ihre Position absprechen. Sie darstellen, als seien sie selbst Schuld, weil die Partnerwahl ja auf ihr Konto ginge. Weil die Haare blond, die Hüften schwungvoll oder die Nägel lackiert seien. Weil die Frau als Alleinerziehende ja einen Mann bräuchte, der sie nimmt und versorgt, egal wie, egal womit.

Frauen sind einander manchmal die größten Feinde. Sie sehen sich gegenseitig als schwach an. Schwäche macht Angst. Wer Angst hat wird wütend. Wer wütend wird, sucht sich schwache Menschen. Ein Teufelskreis.

Statt sich gegenseitig zu unterstützen und dem vermeintlichen Täter damit das Handwerk zu legen, wird dieser angehimmelt und in Schutz genommen. Gute Männer sind rar gesät. Wer zum guten Mann gehört, entscheidet nicht sein Verhalten, sondern sein Aussehen. Sein Auftreten und seine Position können da ebenfalls helfen. Sind Frauen zum Beispiel in einer für sie ungünstigen beruflichen Lage, wird ebenfalls eine Bereitschaft zur Gewalt konstruiert. So dürfte oft der Satz gefallen sein „Na ja, sie war ja Prostituierte, da weiß man doch an wen man gerät…“. Bis vor wenigen Jahren galten Männer in der Ehe durch das Gesetz geschützt, wenn sie ihre Frauen vergewaltigten oder schlugen. Ehemänner machen sowas nicht oder Ehefrauen brauchen und wollen das ja. Alles furchtbar.

Diese in vielen noch gefestigte Meinung, macht es Frauen überall in der Gesellschaft schwer sich nicht zu schämen. Sich nicht die Schuld zu geben oder nicht an ihren Stärken zu zweifeln. Nur weil wir oft körperlich unterlegen sind, sind wir es nicht geistig. Diese Schwäche bewusst auszunutzen, macht den Mann klein. Die Gesellschaft sollte es genau so und niemals anders betrachten.

4 Kommentare zu „LIPPENSTIFT UND BLONDES HAAR

  1. Es gibt ja unzählige Fälle von (häuslicher) GEwalt. Meist ist das Opfer der körperlich Schwächere (Frau, Kind, Pflegebedürftige), die Möglichkeit der Umkehrung ist bekannt. Kurz mal von der zumindest hierzulande real existierenden Möglichkeit der Anzeige abgesehen: wie wäre es mit Trennen? Und, falls so was schon öfter vorkam, mit professioneller Hilfe aufarbeiten, was das für ein Muster ist? Um die erneute Wiederholung zu vermeiden.
    Halte ich zumindest für angemessener als adäquate Schminke zu benutzen, damit man’s nicht so sieht. Ich weiß aber auch, dass das offenbar nicht so leicht ist.
    Wobei dann oft wirtschaftliche und andere Zwänge mitspielen und allerlei pseudomoralische Wertvorstellungen ins Feld geführt werden. Was dazu führt, dass der Täter oftmals sich aus eben solchen Wertvorstellungen berechtigt oder gar verpflichtet fühlt, so vorzugehen. Und oft genug, wir müssen da nicht in den Gassen hinterm Bahnhof anfangen, eigene wirtschaftliche Gründe für sein Handeln hat.
    Was die Sache nicht besser macht. Nur dreht sich’s ab da im Kreis und jemand muß mal so viel sein, und aus dem Kreis, dem Teufelskreis, einfach heraustreten. Sagen, so nicht, hier ist Schluß.

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    1. Frage ist ja immer, wer macht den Anfang? Wenn laut Statistik jeden zweiten oder dritten Tag eine Frau von ihrem Partner oder Ex getötet wird, lag es dann daran, dass sie vorher nicht mutig und stark genug war ihn anzuzeigen? Oder liegt es daran, dass deren Männer einfach Monster sind? Ich war selbst mehrfach in ähnlichen Situationen. Als Kind konnte ich nicht gegen den eigenen Stiefvater vorgehen, als Erwachsene nahm ich sofort meine Beine in die Hand, als der damalige Partner Tendenzen von Gewalt durchblicken ließ. Diese Erkenntnisse brachten mich leider nie selbst zur Polizei. Ich glaube, wenn die Polizei zumeist weiblich, die Richter eine Richterin und alle dazu noch höchst sensibel und achtsam wären, würde kein einziger Mann sich mehr sicher fühlen, im brutalen Umgang mit Frau und Kind. Es ist immer eine Sache der Macht.

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  2. Wer physische Gewalt anwendet ist einfach retardiert, und zwar stammesgeschichtlich. Ein Rückfall in vorzeitliche Umgangangsformen. Entsteht eher selten spontan aus einer comichaften, geheimnisvollen Wandlung eines zivilisierten, netten Menschen in ein Monster. Sondern meist durch lebensbedrohliche Wandlungen, als da wären äußere Bedrohungen, Alkohol und Co., aber meist doch durch den unheilvollen Einfluß der Erziehung durch -berechtigte, Vorbilder („das wird man doch mal sagen – und dann möglichst auch wieder tun – dürfen!“) und prägende Erlebnisse. Nicht zuletzt eigene Prügel in frühen Lebensphasen.
    Was den Umgang mit Opfern angeht, so habe ich selbst eigentlich den Eindruck und auch hier und da die Erfahrung gemacht, dass sich inzwischen (auch die männlichen) die Vertreter der Executive und spätestens die Richter alle Mühe geben, verständnisvoll und schonend auf die Sache einzugehen. Was aber oft schwer genug ist!
    Schließlich ist der andere ja eben kein grün angelaufenes Monster, sondern plötzlich wieder ein höchst zivil und umgänglich auftretender Mitmensch, (oft ehrlich) erstaunt über die Vorhaltungen, die ihm gemacht werden! Das war doch nicht er, das war – Mr. Hyde, der Alkohol oder wer sonst schuld dran war. Selten zeigt das Böse seine Fratze offen, so selten, dass es dann nicht mal erkannt und gesehen wird.
    Aber wir müssen auch sehen, dass die gesellschaftliche Wandlung hin zu weniger Gewalt frisch ist. Noch vor wenigen Jahrzehnten war (häusliche) Gewalt in der Familie straffrei. Drohte die Mama damit, dass sie dass dann abends dem Papa sagen würde! Und war wahrscheinlich froh, wenn sie selber keine fing… Seit wann ist z.B. Vergewaltigung in der Ehe strafbar? Seit wann sind die Ehepartner gleichberechtigt, muß die Frau nicht mehr fragen, ob sie etwa einem Beruf nachgehen darf? Das war doch knapp vorgestern! In unserer Sozialisation schwingt das immer noch mit, und wer das bestreitet lebt entweder im Elfenbeintürmchen oder drückt einfach fest beide Augen zu. Manch einer möchte gerne aus dieser Rolle ausbrechen, aber läßt man ihn (und sie) denn so einfach? Zwar sind die Partner absolut gleichberechtigt, aber dann schaut euch die Pärchen doch mal an oder das übliche Werbeverhalten! Da glucken die kichernden Hühner, da gockeln die witzigsten Gestalten… und wehe, es entsteht eine krisenhafte Situation: wer würfe nicht den ersten Stein, benähme er sich nicht als Mann, der solcherlei Schwierigkeiten mit leichter Hand beseitigt? Vom Reifenwechsel bis zum geh mir aus dem Weg? Gelingt es ihm nicht heißt es Weichei. WEndet er die ihm zugeschriebene Stärke falsch an heißt es Brutalo. Nun, das ist auch nicht so einfach, zumal für die schlichteren Gemüter. Die meisten können das souverän trennen, also sicher keine Entschuldigung, das beileibe nicht, aber die ideale männliche Rollenfindung in dieser komischen Zwischenwelt ist auch nicht leicht!
    Womit wir wieder bei der Eigenverantwortung der Betroffenen sind. Nicht, falsch verstanden, als Verursacherin, sondern als all zu willfährig stilles Opfer. Wenn auch das mediale „me too“ – Geschrei oft ein komisches Gefühl hinterläßt wenn sich etwa eine sich meist übel aufführende Filmdiva plötzlich erinnert, dass da irgendwann, irgendwo so ein Kerl war, der… – hätte sie nicht nein sagen können? Wollte sie es vielleicht nicht? Oder doch, oder wie? Woher sollen wir wissen, was da war? Irgendwann in Hollywood oder Sodom oder Gomorrha oder einer Sendung mit dem jetzigen Präsidenten? Doch übertragen auf den realen Alltag ganz gewöhnlicher Menschen, ganz gewöhnlicher Frauen sollte es schon ein Ansporn sein. Den Mund aufzumachen, sich nicht einzuigeln, sondern tatsächlich zur Polizei (es gibt auch weibliche solche) zu gehen, davonzulaufen und das eigene Leben zu beginnen! Und gegebenenfalls bei der neuerlichen Partnerwahl sehr genau hinzuschauen… ach ja: auch der braucht dann Aufklärung. Denn jemand, der ernstlich traumatisiert ist, wird auf bestimmte Reize (nein, nicht angewandte Gewalt oder Drohung damit, das wäre ja schon wieder zuviel, das wäre ein Grund, wieder die Beine in die Hand zu nehmen) oft seltsam oder übertrieben reagieren (übrigens ein Problem mit Kriegsflüchtlingen. Aus Syrien, Ostpreußen… oder wo immer die herkamen und -kommen).

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    1. Stimme dir zu und sehe es in vielen Punkten genauso. Das wieso, weshalb und warum zu klären, ist gut, um Ursachen zukünftiger Straftaten besser zu klären und ggf. präventive Maßnahmen zu ergreifen. Siehe Pädagogik, von schwarz zu bunt. Auch, Gewalttaten an Kindern, so klein der Klaps manchen Eltern erscheinen mag, zu bestrafen, ist wirkungsvoll. Denn eine verhunzte Kindheit bedeutet in der Regel ein wackeliges Erwachsenenleben. Die Verantwortung nicht abzuschieben, schon gar nicht an die Opfer, sollte ebenfalls höchste Priorität im Strafgesetz haben. Beginnt bei der Polizei und den Ärzten und endet vor Gericht. Es darf kein Opfer weniger ernst genommen werden als der/die TäterIn. Es gilt zwar im Zweifelsfall für den Angeklagten, aber bis Abschluss jeder Prüfung wird das Opfer gefälligst geschützt und unterstützt. Natürlich ist es lange Recht und billig gewesen, Kindererziehung und die „Erziehung der Frau“ den Männern zu überlassen. Der regelte Dinge für den Staat, Grenzen aufzuweisen und alle schön artig und fromm zu halten. Blöd nur, Frauen und Kinder begehen im Normalfall sehr viel weniger Verbrechen. Es wäre also toll, wenn jeder sich selbst ein Stück weit heilen würde und erkennt, wo Lebensqualität anfängt und wo Begrenzung. Jemand anderem zu schaden, schränkt ja nicht nur denjenigen ein, sondern insbesondere mich selbst. Wut und Hass machen am Ende genauso krank, wie das Leid der anderen zu ertragen. Noch niemals habe ich gehört, dass Freude und Dankbarkeit sich negativ ausgewirkt hätte….es sei denn ein Soziopath, bei dem sowieso schon einiges schief lief, lässt daran Federn. Alles in allem gibt es nur ein Heilmittel gegen Gewalt, Kindheit eines jeden gewaltfrei gestalten! Das kann über Generationen ein ganzes System gesunden lassen.

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