KOMM WIR SPIELEN ERWACHSENE

Morgens ist meine Wohnung lichtdurchflutet. Die Sonne strahlt durch das Badezimmer in den Flur. Ich öffne im Schlafzimmer die Fenster, mache die Vorhänge auf und das Bett frisch. Ich stelle den Wasserkocher für einen Kaffee an und nehme im Bad die trockene, wohlriechende Wäsche ab. In Gedanken bin ich bereits dabei, den Tag zu planen. Schwimmbad mit Kind, neuen Reisepass beantragen, danach möchte es irgendwo legal Graffiti sprühen gehen. Seit gestern kennen wir viele geeignete Orte.

Auf dem Weg zurück in die Küche, kurz nachdem ich Handtücher gefaltet habe und kurz bevor ich meinen Kaffee braue, sehe ich etwas Staub auf den Dielen. „Man, ich muss wieder wischen. Hab ich doch erst vor drei Tagen…“,murmel ich.

Ich denke mir, andere Erwachsene mögen vielleicht täglich fegen, saugen und wischen. Ich schiebe so lange es geht den Staub in die Bodenrillen. Wenn Besuch kommt, werde ich aber zum Putzteufel.

Dann sehe ich in den vollen Kühlschrank, überlege dem Kind einen Apfel aufzuschneiden und Kakao zu machen. Während ich vorhin im Bad einen Blick in mein Spiegelbild warf, stand da keine Frau Anfang 30. Da war dieses etwas geschrumpelte Mädchen, mit der blonden Kurzhaarfrisur. Alles wuschelig, alles verschlafen. Die pinke Schlafanzughose und das Bowieshirt. Nicht sehr erwachsen.

Seit vierzehn Jahren spiele ich die Erwachsene und sehe anderen meines Alters dabei mit Erstaunen und Neid zu, wie sie scheinbar ganz locker Erwachsene sind.

Natürlich nicht jede/r von ihnen. Manche wirken dabei ebenso hilflos wie gescheitert, andere überdecken das Offensichtliche.

Ich hingegen habe da diese zwei Kinder, vor denen ich es einfach nie ganz schaffe die Erwachsene zu sein. Es bricht unausweichlich immer mal aus: mein inneres Kind.

Dann lobe ich über die Maßen, obwohl man das nicht soll. Als Pädagogin weiß ich es besser und doch bekommt mein inneres Kind dabei nur Gänsehaut.

Dann mache ich zotige Witze am Abendbrotstisch. Da muss ich mich ja nicht wundern, dass meine Kinder teilweise schon sehr ironische Wesen sind.

Dann gehe ich lieber fünfmal die Woche Eis essen oder erlaube das Frühstück im Bett, weil ich das damals als Kind nie hatte, aber immer wollte. Dass meine Kinder dann zwischendurch aufschreien, wenn ihre Mama gesundes Essen auffährt oder jeden Abend einen Bissen vom Salat verlangt, ist mir klar.

Ich kaufe ihnen lieber bunte Badeperlen, fülle die Wanne bis zum Rand mit Schaum und Spielzeug, statt mich zu fragen, ob eine kurze Dusche nicht ökologischer wäre oder wenigstens sicherer für meinen Geldbeutel.

Ich möchte jeden Tag Abenteuer mit ihnen und meinem Partner erleben. Wenn das nicht geht, wird mir schnell langweilig. Also schaffe ich mir Abenteuer. Manchmal ist es sowas banales wie Shopping oder Netflix.

Manchmal denke ich, ich hätte gerne so eine Mama wie mich gehabt. Offene Ohren, sehr weiches Herz. Doch dann merke ich, es fehlt uns an einem Gegenpart. Dem Bad Cop. Mein Freund erfüllt die Rolle mit mir im Wechsel, wenn er da ist. Bin ich alleine, muss ich gegen meine Natur und gegen meinen Willen sogenannte Machtworte sprechen, aufräumen als Vorbild, an alles Organisatorische denken, wie Schule, Kita, Behörde und Haushalt. Nichts darf mein inneres Kind daran erinnern, sich über die Arbeitswoche zu zeigen. Nicht leicht, wenn man in einer Grundschule arbeitet und eben genau das ab und an verlangt wird.

Zu Hause stelle ich es ab. Auf leise. Auf erwachsen.

Da säuselt es leise:“Aber wir haben doch erst vorgestern den Boden gewischt, mennoooo!“ Ich gehe dann mal mein echtes Kind wecken. Es gibt Apfel und Kakao.

5 Kommentare zu „KOMM WIR SPIELEN ERWACHSENE

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