MUSS ICH ODER DARF ICH

… eigentlich immer dazugehören, um Expertise nachzuweisen?

Ein Beispiel:

Jemand der eine Behinderung hat, gilt mindestens für sich, aber manchmal auch für andere Menschen mit Behinderung als Experte/Expertin. Es wird so lange kein Mangel an Erfahrungen und Wissen festgestellt, bis man sich in den Erfahrungen oder in der Einstellung des anderen nicht mehr wiederfindet.

Anderes Beispiel:

Männer die Frauen die Welt vermeintlich versuchen zu erklären, begeben sich auf ganz dünnes Eis. Insbesondere ihr (Nicht-)Wissen bezüglich des weiblichen Körpers, hormoneller Einflüsse usw. wird ganz schnell zum Streitpunkt, wenn ein Mann einer Frau versucht ihre Kompetenzen abzusprechen.

Weitere Idee:

PolitikerInnen bewerben sich für ein Resort, von welchem sie grundsätzlich vielleicht keine Ahnung hatten, aber in das sie sich einarbeiten und mit Unterstützung anderer Experten das fehlende Knowhow aneignen.

Gibt es nicht tatsächlich ExpertInnen, die sich ihren Mangel an eigenen Erfahrungen und Wissen ausgleichen können? Ist es nicht möglich, durch lebenslanges Lernen, Interesse und eine eigene Einstellung, Experte oder Expertin zu werden?

Nicht jeder Lehrer muss Kinder haben, auch wenn er unumstritten einmal Kind war. Nicht jede Ärztin muss bereits gebrochene Beine gehabt haben, um den Schmerz ihrer Patienten nachvollziehen zu können, bzw. sich entsprechend empathisch auf diese einzulassen. Nicht alle Eltern werden als Eltern geboren. Genau genommen keiner von uns. Wir wachsen in diese Elternschaft hinein. Jemand der sich als Frau fühlt, aber jahrelang als Mann gelebt hat, darf nach seinen Vorstellungen inzwischen dieses Gefühl, Bedürfnis und Empfinden leben (zu Recht!). Kann eine mit weiblichen Geschlechtsorganen und zugeschriebener Identität diese Vorstellungen absprechen?

Kann ich meinen Beruf auch ohne jede von meinen Klienten gemachte Erfahrung gut ausüben? Ja!

Ich muss weder Drogen genommen, noch Missbrauch oder ein reiches Elternhaus erfahren haben. Die Lösung lautet, sich mit Menschen mit entsprechenden Erfahrungen auszutauschen und Wissen anzueignen. Dies kann über den persönlichen Austausch geschehen (wenn denn möglich) oder über eine gute Ausbildung. Es ist wichtig die Menschen nach ihren Erfahrungen und ihrem theoretischen Wissen gleichermaßen wahrzunehmen, zu respektieren und anzuerkennen.

Jemandem seine Nichtzugehörigkeit vorzuwerfen, ist ausgrenzend und führt zu Spaltung. Jemand der Interesse zeigt, respektvoll mit dem anderen umgeht und neugierig bleibt, ist mehr wert, als jemand der im scheinbar selben Boot sitzt, sich aber völlig am Thema vorbeibewegt.

Was nützen uns Frauen, die sich gegen andere Frauen stellen, für eine weibliche Revolution? Was nützt ein studierter Politiker, der auf dem Papier alle Voraussetzungen erfüllt, wenn er korrupt ist und gegen sein Volk agiert? Was nützt einem eine Zuordnung, ein Stempel, ein Wissensvorsprung, wenn ich daraus nichts mache?

Mir sind Menschen lieb, die mich fragen: wie ist das bei dir?

Und selbst dann wissen sie noch nichts über meine Geschlechtsgenossinnen, über Menschen mit Beeinträchtigungen oder Eltern. Ich alleine bilde nur mich ab. Nicht meine Generation und nicht alle anderen, sich mit mir in einer Schublade befindlichen Personen.

Wer sich für etwas oder jemanden interessiert, hört zu, macht Erfahrungen und bildet sich. In vielerlei Hinsicht sind manche Männer die größeren Experten auf „Frauengebieten“, weil sie sich mit Themen auseinander gesetzt haben, die dieser Zuordnung gesellschaftlich gerecht werden. Aber wer definiert dann die Frau? Wer definiert, wann wir eine Masse und wann nur ein einzelnes Individuum ansprechen? Eben.

Wer jemand anderem seine Expertise abspricht, im Glauben der andere gehöre nicht von Geburt an dazu, befindet sich auf viel dünnerem Eis. Erfahrungen machen Wissen. Neugier macht Wissen. Bildung macht Wissen. Sich aller drei Dinge bedienen zu können, sollte den Experten schaffen. In ein Geschlecht geboren zu werden, ist noch kein Garant für eine Expertenstelle. Jemand der im Rollstuhl sitzt, ist kein Experte für alle anderen Menschen mit Behinderung. Jemand der eine Depression erlitten hat, muss kein/e zuverlässige/r TherapeutIn sein. Jemand der keine Kinder hat, kann trotzdem wunderbar andere Kinder aufwachsen lassen und begleiten.

Wissende um ihre Meinung und Unterstützung zu bitten, ist der einzige Anspruch, den es gilt zu stellen. Alles andere ist unnötige Arroganz.

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