GESTEIGERTES MITTEILUNGSBEDÜRFNIS ODER AUCH: DIE MÜDIGKEITSBLÖDHEIT

Morgens in den Frühdienst zu taumeln, hat sich abgenutzt. Anfangs war ich aufgeregt. Ganz alleine in einem Gebäude darauf wartend, dass mal jemand kommt. Kollegen, Kinder, Eltern. Jetzt bin ich müde, trete von einem Fuß auf den anderen und überlegte auf dem Hinweg, wen ich um die sportliche Uhrzeit von 05:35 Uhr anrufen könne, damit mir die ersten Minuten Weg und das Betreten des Hauses nicht so gespenstisch vorkämen.

Natürlich habe ich niemanden angerufen. Natürlich habe ich, wie jeder hippe Typ meiner Generation stattdessen Sprachnachrichten verschickt. Teils ohne Sinn und Verstand und sicher auch ein paar die längst überfällig waren.

Im Gebäude angekommen, fragte ich mich wieso ich immer so einen großen Drang habe mich auszutauschen? Insbesondere die Worte aus meinem Mund fließen zu lassen.

Versteht mich nicht falsch, ich höre gerne und ausdauernd zu, wenn ich ehrlich bin, ist mir das was ich so denke, aber sehr wichtig auszusprechen. Da blubbert es dann aus mir heraus und manchmal reicht das schon, ohne Feedback, ohne Wertung. Natürlich ist eine Rückmeldung immer von Vorteil. Um sich zu reflektieren und auch mal einem anderen Gedankengang zu folgen, als ausschließlich dem eigenen.

Wenn ich das Internet so betrachte, all diese Blogs, die Kanäle, die Möglichkeiten, scheine ich damit ja nicht alleine zu sein. Wieso diese auf Masse produzierten Gedanken?

Über sich und seine Umwelt nachzudenken, ist ja erstmal nicht verkehrt. Sich und seinem Kopf aber wenig Raum für Ruhe zu geben, ist ein großes Problem (unserer Zeit?).

Da wird gesabbelt, gegrübelt, laut und leise gedacht. Nichts für das Tagebuch, alles für die Öffentlichkeit. So öffentlich wie irgend möglich. Wer wenig Freunde hat oder keine Therapeutin, nutzt sicher häufiger diese Form der Psychohygiene.

Ich habe beides. Dennoch ist der Vorrat an Gedanken unerschöpflich. Manchmal drehen sie sich im Kreis und um dieselbe Problematik, aber im Grunde könnten sie in alle Richtungen flitzen. Natürlich, Quantenphysik ist nicht mein Steckenpferd und wer mich fragt wie die Fruchtfliegen sich vermehren, wird nur ein müdes Schulterzucken ernten. Alles in allem arbeitet mein Gehirn und das der anderen scheinbar dennoch auf Hochtouren.

War das immer so? Ist das ein Ding unserer Zeit und Generation? Sind wir alle eine Reinkarnation von Schillers und Goethes?

Noch vor Jahren waren mir meine geschwätzigen Freundinnen jedenfalls zu viel. Ich bekam Kopfschmerzen, wenn sie stundenlang erzählten. Meist blieb ich stumm. Meine Tagebücher waren vollgemalt, aber Inhalt fand man wenig. Erst mit Facebook und Co. begann der Wunsch nach stetigem Austausch, nach schlagfertigen Reaktionen, nach Diskussionen und Provokation.

Ich stelle mir meinen Kopf wie einen Bienenstock vor. Oder wie einen Computer. Etwas in dem es surrt und brummt. Etwas in dem sich ständig alles vernetzt und es heiß läuft.

Wenn das schon immer so war, so fällt es mir doch erst heute auf. Morgens um sechs im Frühdienst.

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