ÜBER DICH HINAUS GEWACHSEN

Wer kennt es nicht? Innerhalb einer zwischenmenschlichen Beziehung, kann es ganz unbemerkt anfangs und später zu aller großer Überraschung, zu Veränderungen in der Matrix kommen.

Waren wir eben noch anders gewichtet oder auf Augenhöhe, verschiebt sich dieses sehr fragile Miteinander stets und ständig, je nachdem wie schnell es dem jeweiligen Menschen gelingt zu wachsen und sich zu entwickeln. Einer hat dann das Nachsehen, so ihm diese Weiterentwicklung missfällt.

Meine Beziehungen, insbesondere partnerschaftliche, aber auch familiäre, haben mich immer an diesen Punkt gebracht. Oftmals führe dieses Wachstum zu einer Disharmonie. War ich vielleicht erst die Hilfsbedürftige, Unsichere, konnte ich innerhalb einer gewissen Zeit an Erfahrungen sammeln und davon profitieren. Ich wuchs mit jeder Beziehung, um jede Begegnung und bei jedem Austausch. Selbst ein Streit, eine Meinungsverschiedenheit oder ein Verlust können die Entwicklung ungemein voran treiben.

Leider passiert es nicht selten, dass ein Gegenüber darüber ins Grübeln gerät. Sind wir noch gleichauf? Passen wir noch zusammen? Gefällt mir eine starke Persönlichkeit? Mag ich selbstständige Frauen? Usw.

In meiner Jugend war ich bereits sehr schlagfertig. Meine Familie besteht aus Wortmenschen. Alle diskutieren mehr oder minder mit Vorliebe und Ironie fließt in jede Unterhaltung ein. Wir witzeln, streiten und reflektieren. Als ich dazu im Alter von 15 in der Lage war, sagte meine Mutter meinem Vater, ich hätte ihn längst überholt.

Meine Entwicklung vom Mädchen, schutzbedürftig und unerfahren, zur jungen Frau, neugierig und gewitzt, fand nicht überall Anklang.

Wenn meine Freunde mir auf Dauer zu langweilig wurden oder ich im Streit einfach keinen würdigen Gegner fand, kam es zwangsläufig zur Trennung. Die Anziehung war meist vorher schon eingebüßt.

Heute ist das ein wenig anders. Ich habe gelernt, dass wir nicht immer exakt gleich schwingen können oder müssen. Wir können miteinander wachsen oder uns die Zeit geben festzustellen, ob wir in die gleiche Richtung blicken – immer und immer wieder.

Sich dem anderen entfremdet zu fühlen, weil die scheinbar eigene Entwicklung nicht der der anderen Person entspricht, muss für mich heute kein Todesurteil mehr sein.

Habe ich mich früher gewunden und das Sprungbrett genutzt sobald ich es sah, empfinde ich es heute als erleichternd, meine Muster zu erkennen und sie zu durchbrechen. Dieses Verlassen meiner Komfortzone, fällt mir nicht leicht und jedesmal tappe ich in die gleiche Falle, aber: ich lerne ja noch. Also schaue ich mir an, ob der andere mitgehen kann und möchte und taste mich behutsam vor. Nicht alles muss sich immer ideal anfühlen zwischen zwei Menschen. Wir sind so individuell wie verschieden. Wir sind so wie wir sind nicht immer für andere nachvollziehbar und wenn uns etwas am anderen liegt, versuchen wir es nachvollziehbar zu machen.

Dabei hilft mir reden. Mich zu erklären. Dem anderen die Sorge zu nehmen, ihn weniger zu mögen, nur weil sich etwas verändert hat.

Natürlich muss ich mich und die Beziehung dabei auch hinterfragen. Sich wegzuredent, wenn es tatsächlich hakt, wäre Unsinn.

Es ist wichtig für beide Parteien zu erkennen, dass der andere im Kern immer liebend und zugewand bleibt. Sich zu verändern, ist ein normaler Prozess. Diese Veränderung mit jemandem teilen zu können, der einen schon eine lange Zeit kennt, ist wunderbar und auf Dauer der einzige Weg sich seiner sicher sein zu können.

Wir denken immer wir würden uns nicht über andere definieren, aber das ist Quatsch. Wir brauchen die anderen. Dabei ist es am schönsten, wenn die anderen die sind, die wir schon unser halbes Leben kennen und denen wir uns anvertrauen, selbst wenn das manchmal bedeutet aneinander vorbeizuleben.

Mein Vater ist mir vertraut und ich freue mich auf einen guten Kontakt. Mein Partner wird mir immer vertrauter und ich hoffe wir tanzen elegant genug durch unsere Entwicklungen, ohne uns dabei aus den Augen zu verlieren.

Entwicklung ist so wichtig.

2 Kommentare zu „ÜBER DICH HINAUS GEWACHSEN

  1. Ich glaube viele Menschen fürchten Veränderungen und suchen eine Wohlfühlzone. Das führt zu Problemen wenn einer davon sich verändern und wachsen möchte. Es klingt doch oft schon so vorwurfsvoll wenn jemand sagt: „Du hast dich verändert“.
    In meiner Welt ist das etwas positives und man sollte sich als Person immer und immer weiterentwickeln. Meine Partnerin sieht das zum Glück genauso. Ansonsten wären Probleme vorprogrammiert wenn man nach einiger Zeit nicht mehr mit dem selben Menschen zusammen ist, den man ursprünglich kennengelernt hat.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke! Genauso empfinde ich es auch. War aber ein Prozess und gar nicht immer so leicht. Menschen entwickeln sich immer wieder weiter. Es ist an ihnen, ob die Beziehung sich unter dieser Entwicklung auch positiv verändert oder ob es die Beziehung gefährdet. In der Regel können beide davon profitieren, so die Veränderung nicht schädlich oder ähnliches ist.

      Gefällt 2 Personen

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