DER NEID DER NACKTSCHNECKEN

Fragt ihr euch auch manchmal was aus bedeutenden Menschen eurer Vergangenheit geworden ist und werdet dann zu ihren heimlichen BeobachterInnen?

Heute habe ich mich mit der Absicht alte Freunde und Bekannte online zu finden, auf einer dieser Plattformen angemeldet. Ich bin da sicher seit Jahren nicht mehr drauf gewesen und dachte es sei schön zu sehen, wie es meiner besten Freundin aus Schulzeiten ginge und ob die Kinder die ich mit Anfang 20 als Babysitterin betreut habe, schon erwachsen geworden sind. Sind sie.

Und all meine ehemaligen Freundinnen sehen so glücklich aus. Oft verheiratet, noch niemand geschieden, mit Kindern oder Karriere. Und mittendrin ich. Oder eher außen vor.

Ich kann und möchte mich nicht beklagen. Da sind meine eigenen Kinder und ich hätte sicher längst verheiratet sein können, wäre da nie meine kindliche Angst vor Bindung gewesen (die sich erst mit Anfang 30 zu legen scheint). Außerdem wollte ich nie Karriere machen. Ein Beruf im sozialen Bereich ist Berufung oder dein Untergang. Man bezahlt uns häufig in mangelnder Anerkennung und kryptischer Währung. Aber darum soll es heute nicht gehen.

Stattdessen sehe ich hier aber, was ich nicht habe. Dieses Lächeln der Leichtigkeit im Gesicht. Mir ist klar, auf Fotos kann man Momente wiederfinden, die sogesehen natürlich vergänglich sind. Eben noch in die Kamera gelacht und im nächsten Moment mit Durchfall aufs Klo geflitzt. Über die Liebe, die Wahnsinnsreise und den Aufstieg in der Firma geschrieben und beim Herunterfahren in den Pulloverärmel geheult. Ja, ja. Wieso aber dieser Neid?

Woher kommt das Gefühl, tauschen zu wollen? Zum einen kenne ich die anderen und ihre Wirklichkeiten gar nicht mehr und zum anderen sind diese Momente, klitzekleine Ausschnitte. Mehr nicht.

Warum glaube ich, im Leben nicht vorwärts gekommen zu sein, während andere gefühlt fünf Runden an mir vorbeigezogen sind?

Bei der einen ehemaligen Freundin begutachte ich kritisch ihren flachen Bauch. Oberflächlich. Dennoch, sie war zweimal schon schwanger (wie ich) und sieht hervorragend aus.

Bei der nächsten lese ich, sie sei derzeit überglücklich. Dazu strahlt sie in die Linse und deutet an, die Hochzeit vor sechs Jahren sei ihre beste Entscheidung gewesen. Meine beste Entscheidung war es den Ex rauszuwerfen und nochmal auf Neustart zu drücken.

Ein paar alte Kumpels stehen hingegen an einem Felsvorsprung und grinsen debil ob der Naturschönheiten im Hintergrund. Ich meine tatsächlich die Natur und nicht irgendwelche Badenixen. Meine letzte Reise war toll, aber mit zwei Kindern im Gepäck und ohne Vermögen auf dem Konto nicht das selbe.

Ein paar Exfreunde von mir posten sich lachend, befreit, kreativ und sensibel. Unter ihren Bildern reihen sich charmante Kommentare anderer Frauen ein. Ja, ich bin vergeben und kann über Flirts senieren, aber hey verdammt, wieso sind die nach drei bis acht Jahren schon über mich hinweg? Suchen die auch mal nach mir? Linsen heimlich auf mein Profilbild bei WhatsApp?

Es sind diese kleinen Momente absoluter Hirnrissigkeit, die ich mir ab und an gönne. Da zu sitzen und sich zu fragen, ob mein Leben an mir vorbeizieht oder ob ich es nicht habe entgleiten lassen.

Ich weiß um die Umstände. Da sind meine Kids und ein Vollzeitjob. Ein Studium. Eine Partnerschaft. Eine Familie. Ein Haushalt. Ich weiß, dass ich Freundschaften jenseits meines Kiezes kaum pflegen kann, weil ich ohne Auto lebe und manchmal so müde bin, dass mir eine Stunde Fahrt durch die Großstadt wie eine Lebensaufgabe erscheint.

Es ist albern und müßig sich zu vergleichen. Es ist, als würde eine Nacktschnecke auf das Haus ihrer Genossin schauen und sich fragen wie es darunter wohl aussieht. Und die Schnecke sieht zurück und wünscht sich manchmal genauso unbeschwert durch die Gegend schleimen zu können. Oder so ähnlich…

Ein Kommentar zu „DER NEID DER NACKTSCHNECKEN

  1. Früher linsten die Menschen in die Gärten, die Fenster der Nachbarn und neideten das offenkundige: Glück, ein wohlbestelltes Haus (samt Garten), keine Sorgen in Sicht. Freilich waren sie auch nicht doof und wußten um das Sprichwort: unter jedem Dach ein Ach. Heute schaut man bei Facebook oder Instagram oder was weiß ich noch nach und erstaunt: alle immer perfekt gestylt, alle sehen super aus, alle starren offenbar schon satt auf optisch toll hergerichtetes Essen, von dem eine Ameise satt werden könnte, wenn sie den Fraß wollen würde. Früher war es wichtig, dass die Fassade stimmt der Vorgarten, weil den ja die Nachbarn sehen. Prügel gab’s weiter hinten im Haus und womöglich im Schlafzimmer und nicht nur für besondere Sexbedürfnisse. Heute gibt’s Photoshop. Und der Augenmensch, dem Schein so sehr verfallen, starrt wider besseres Wissen hin und sagt: das kann ja gar nicht sein! Wissend, dass es auch nicht so ist und trotzdem dem trügerischen Auge und Bild vertrauend. – Ganz ehrlich, jemand, der – täglich? – im Großstadtverkehr den öffentlichen Menschen sieht, wie er zwischen lethargisch und aggressiv sich in die müden U-Bahn-Massen einreiht kann doch nicht mehr an die Botschaft der sozialen Netzwerke glauben? Ich jedenfalls kenne niemanden, dessen debiles Dauergrinsen für die Kamera festgewachsen ist und der sich dann noch weiter so verhält, als stünde er unter der Regieanweisung seines Selfiesticks.

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