MENSCH VON INTERESSE

Eigentlich dachte ich immer ein sehr interessierter Mensch zu sein. Lust auf Kunst und Kultur zu haben, mich gerne mit Geschichte und Politik zu beschäftigen und für meine Mitmenschen ein offenes Ohr zu haben.

Dies ist aber tatsächlich nur die halbe Wahrheit.

Die Realität sieht anders aus.

So rausche ich hauptsächlich deshalb über Flohmärkte und durch Ausstellungen, um mich intellektuell und interessiert zu fühlen. Um etwas von dem zu bekommen, was andere Bildung und Weltoffenheit nennen. Dabei die Faszination auszustrahlen, die anderen ins Gesicht geschrieben steht. Aber sind sie es denn auch wirklich? Fasziniert? Ist das ganze Gerede echt?

Ich stehe dem sehr kritisch gegenüber. Meiner Beobachtung nach, hetzen wir durch unsere Reiseziele, lang gehegte und angesparte Urlaube, in exotischen Orten zum Beispiel und alles was wir dort tun, ist Posing. Unsere Generation verkommt zu Mitteilern. Alle sollen teilhaben an meiner ach so spannenden Sicht auf die Dinge, meiner kultivierten Person, meinem Stil und meinen guten Entscheidungen. Hier bin ich, damit andere mich anerkennen. Mich bewundern. Da wird dann das kalte London zum hippsten Urlaubsort, obwohl die LondonerInnen bestätigen Berlin sei viel hipper und kälter. Da fahre ich Meilen in ein kenianisches Dorf, um Waisen zu helfen, für ein gutes Gefühl einmal im Jahr etwas getan zu haben und im Lebenslauf statt einer Lücke, eine Brücke zu schlagen. Von meinem Ego zu dem meines Chefs („tolle Person, wenn ich sie einstelle, wertet das die ganze Moral unseres Teams auf!“).

Habe ich wirklich jemals versucht jemandem zuzuhören oder war mein Interesse nur groß, weil sich das Gesagte nach Tratsch, nach Gossip, nach Drama anhörte? Haben sich dann meine Nackenmuskeln angespannt, hat sich mein Puls beschleunigt und ich war selig, ob der Spannung in der Luft?

War ich wirklich interessiert und war mein Gegenüber nur interessant, weil es etwas erzählen konnte, was meinen Speicher an Sensationslust aufgefüllt hat?

Viele Menschen denken, Unterhaltung sei der wahrlich einzige Lebensinhalt. Sie schauen Filme, gehen tanzen, reisen, verlieben und trennen sich. Sie produzieren ihre eigene Serie. Bestehend aus Ereignissen für andere. Etwas, um es später den Enkeln erzählen zu können oder eben heute der ganzen Twitter-Gemeinde. Etwas, um sich gesehen zu fühlen, aus der Masse herauszustechen.

Habe ich mich wirklich jemals für etwas begeistert, was anderen egal war? Nicht in dieser Anti-Haltung: ich gegen den Rest der Welt. Sondern für mich, ohne es mit anderen teilen zu wollen. Habe ich jemals jemandem zugehört, wenn derjenige einfach von seinem langweilen Leben berichtete und wenn nicht, wieso nicht? War ich in Gedanken bei ihm oder war ich längst im nächsten Abenteuer? Brauchen wir ständig Entertainment?

Wir Menschen sind schon merkwürdig.

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