AKTE EX

Zugegeben, das Wortspiel ist nicht neu. Der Expartner oder die Expartnerin jedoch auch nicht.

Auf Netflix gibt es eine Dokuserie ganz romantischer Art. Da darf man bestaunen, wie Verflossene ihre ehemaligen PartnerInnen zurück erobern wollen. Alles freiwillig und mit deren Wissen und Einverständnis natürlich. Wir begleiten auf dieser Reise mehrere Paare, wie sie sich allerdings gezwungenermaßen über Wochen (so zumindest sagt es das Script), miteinander beschäftigen müssen. Ob dafür ihr Jahresurlaub draufgeht, sie Langzeitarbeitslose sind oder wir tatsächlich einfach nur Schauspielern beim schauspielen zuschauen, wird nicht aufgedeckt.

Stattdessen verfolgen wir also die Paare in festem Glauben, hier wird Großes entschieden und Vergangenheiten aufgearbeitet.

Auffällig sofort, wieso die jeweiligen Paare sich wohl einst auseinander gelebt haben. In einigen kommt das alte Trauma wieder hoch und bei manchen ist die Trennung so lange vorbei, es hat schon fast wieder niedliche Züge, wie sich hier zwei eigentlich Fremde begegnen und neu kennenlernen. Rührend auch, wie die ExpartnerIn uns alte Fotos zeigt und erklärt was sie oder er damals alles falsch gemacht hat und dann der Schwenk zu den Fehlern des anderen, ganz beiläufig, vollzogen wird.

Langsam wird dann auch dem letzten Zuschauer bewusst, hier könnte schon der Knackpunkt liegen. Egal wie toll der/die Ex in der Erinnerung inzwischen leuchten mag, diese Illusion lässt sich schnell zunichte machen, wenn die harte Realität einfach näher beleuchtet wird.

So stehen wir also vor unserer Idee von der anderen Person, unseren best of Momenten der Beziehung und ein paar Fotos die naturgemäß nur die schönen Augenblicke festgehalten haben und würden wir drei Minuten länger erzählen dürfen, das Bild würde bröckeln.

Aus der letzten so großen Liebe wird vielleicht ein Kontrollfreak, der eigentlich immer genervt hat. Jemand der uns mit seinen Bedürfnissen erdrückt hat oder mit Schwankungen zu schaffen machte. Jemand den wir eigentlich nur in der Erinnerung ertragen. Jemand der Dank unserer fixen Idee jetzt aber vor uns steht und denkt zurück gewollt zu werden.

Da werden diese sonderlichen Paare also zusammengerauft, ob sie sollten oder nicht und es beginnt der Albtraum Ex-Akte. Bei einigen mag die Trennung Jahre her sein und sich als Glücksfall erweisen: Mensch, toll! Sie hat nicht nur zehn Kilo abgenommen, sondern auch Selbstbewusstsein erlangt. Hey super, er trägt jetzt endlich einen richtigen Haarschnitt, außerdem kann er inzwischen über sich selbst lachen. Alles möglich.

Dann aber der Bruch. Das bekannte Flackern in den Augen. Dieser Schmerz den wir ihnen oder sie uns zugefügt haben. Da sitzt er. Hinter der Stirn, eingebrannt als Lektion unseres Lebens und jetzt bereit zur Waffe zu werden, sollten die richtigen Trigger gesetzt.

Wer sich aus alten Mustern befreien konnte, mag eben noch lange nicht alten Widersacher souverän begegnen. Da werden unausgetragene Kämpfe einfach nochmal ausgekämpft. Eine Revanche gefordert. Ein unausgesprochenes Wort ausgesprochen.

Beide stehen sich verwundet gegenüber, obwohl sie dem anderen längst entwachsen sind und versuchen zu reparieren, was nicht umsonst zu Bruch ging.

Ohne Frage, es mag Paare geben die sich nach Jahren treffen, entwickelt haben, da wo Bedarf bestand und geblieben sind wie sie vom anderen für großartig befunden wurden, an den richtigen Stellen.

Manche Ex-Akten öffnen sich, weil man nicht im Streit oder Kummer auseinander ging. Da gab es vielleicht räumliche Schwierigkeiten, wie Fernbeziehungen. Oder jemand war jung und wollte einfach noch etwas anderes, etwas, was sich jetzt mit zunehmendem Alter von ganz alleine gewünscht wird. Manche Paare merken, sie hätten sich wirklich nie trennen dürfen. In der Regel aber nicht nach vier Jahren. Oft schon viel früher.

Manche Paare sehen sich durch Zufall zwanzig Jahre und zwei Ehen später wieder und es klappt. Das sind aber nicht unbedingt die selben Menschen wie früher. Sie sind gewachsen. Sie sind gealtert. Hier konnten sich ebenso zwei fremde Leute begegnen.

Seine ExpartnerIn nochmals zu daten, hat sicher Vorteile, wie eine gemeinsame Vergangenheit und Geschichte. Momente der Erinnerung und vielleicht auch überdauernden Liebe.

Wer sich jedoch erhofft, der/die andere würde jetzt gemeinsam Schadensbegrenzung betreiben, sich von der Raupe zum Schmetterling entwickeln und alles würde besser werden, liegt einem Irrtum auf.

Beziehungen sind Arbeit und ein bisschen Glück. Liebe ist Glück, Miteinander ist Arbeit.

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