FEMINISMUS MEERJUNGFRAU

Die Gemüter sind erhitzt. Der neue Disney Film Arielle, die Meerjungfrau soll mit einer jungen schwarzen Schauspielerin in der Hauptrolle neu realverfilmt werden. Und weil dieser Paukenschlag einer neuen Generation und des damit verbundenen Aufbruchs alter Konventionen nicht vom ganzen Publikum geschluckt wurde, läuft das Internet Sturm. Insbesondere Feministinnen sehen sich hier weiterhin genötigt, auf die Rolle der Frau aufmerksam zu machen. Arielle als unselbständiges Mädchen, gefangen zwischen den Erwartungen ihres Vaters und der Gesellschaft – die Frau hat die Klappe zu halten, denn wer stumm bleibt, bekommt schließlich nur was gewünscht wurde. Und was sich da gewünscht wird, ist außerdem weiterer Anlass zur Anklage: Liebe. Liebe zu einem Mann!

Ja, da ist dieses junge Mädchen, im Originalmärchen noch keine achtzehn Jahre alt und sie möchte nichts sehnlicher, als der Liebe folgen. Disney gab ihr außerdem (oder hat H.C. Andersen das ebenfalls so geschrieben?), eine unüberwindbare Neugier und Sehnsucht nach des Nachbars Garten. Hier dargestellt durch das Paradies Eden, äh nee, die Menschheit. Das Meer war ihr nicht gut genug. Schwimmen zu wenig. Ein Königreich wurde zum goldenen Käfig.

Wer hier nicht das Gleichnis zu so manchem, vielleicht sogar sich selbst, ziehen kann, muss blind sein. Wie oft saßen Menschen vor einem Vogelkäfig und staunten über die Freiheit jener Vögel, einfach wegfliegen zu können (so wir sie ließen)? Wie oft sitzt man da und bestaunt die Errungenschaften anderer Menschen und möchte es ihnen gleichtun, selbst wenn das bereits vorhandene nicht weniger wertvoll sein mag?

Arielle will also etwas haben, was sie so nicht leicht bekommt. Soweit so gut.

Nur gibt es das schier Unerreichbare für unsere nasse Heldin, in Gestalt von Magie.

Während wir Menschen also Flugzeuge bauten, um zu fliegen und den Nachbarn kopierten, so es uns möglich war, schwamm die kleine Nixe zu ihr bekannten Meereshexe und erkundigte sich nach einem (un)fairen Deal. Klar, der Markt bestimmt den Preis. Sie will etwas Unmögliches und die Hexe wäre keine kluge Frau, wenn sie ihr dafür nicht ein paar mehr Dinge berappen würde, als den Titel oder die Goldklumpen unter ihrem Kissen.

Da Arielle aber vorher folgenden kapitalen Fehler begangen hat, sehen sich Frauen und Männer dieser Zeit dazu berufen, ihr mit Schimpf und Schande ihre Selbstständigkeit abzusprechen. Sie ist eine Närrin sich zu verlieben! Und für die Liebe, aber irgendwie auch nur für einen Kerl, etwas aufzugeben!

Arielle interessiert sich natürlich nicht für unsere feministische Haltung und den Weltschmerz. Sie möchte einfach nur lieben und geliebt werden. Koste es was es wolle.

Vielleicht entstand dieser Wunsch, aus der mutterlosen Erziehung? Ihr Vater, zumindest nach Disney, ist schließlich Alleinerziehender, mit immerhin ausschließlich fünf oder sieben Töchtern. Dazu noch Dauerbelastung Vollzeitjob. Wer kann dem Kind da schon immer gerecht werden?

Also entwischt sie ihm, in ein Reich aus Phantasie und Sehnsucht. Nach Liebe, nach Einzigartigkeit und in der Hoffnung auf eine eigene heile Welt.

Sie schwimmt ihrer ungewissen Zukunft entgegen. Mutig, selbstbestimmt und so weit ich es erkennen kann, ohne Druck von außen. Im Gegenteil. Sind es nicht ihr Vater und der ganze Hofstaat, die sich in großer Sorge und Ablehnung dem Kind gegenüber stellen und ihre Bedürfnisse nach Autonomie zerschlagen zu versuchen?

Arielle kümmert das nicht. Der Preis, ihre Stimme und ihr Leben, sollte es ganz dicke kommen, sind ihr kein Hindernis. Raus aus der Kindheit, hinein ins Erwachsenenleben.

An Land sieht natürlich alles etwas anders aus.

Hat Arielle noch die Hoffnung gehabt, alleine mit Charme und gutem Aussehen zu punkten, reicht es eben doch nicht. Der Prinz fühlt sich hingezogen, aber ja. Mehr jedoch auch nicht. Und diese Botschaft könnte so vielen da draußen gefallen, reicht aber nicht aus, um über die Tatsache hinwegzusehen, dass Arielle nicht Karriere und Singleleben bevorzugt.

So schweigen beide aneinander vorbei und er, der Prinz, geht eine Affäre mit einer anderen Frau ein. Ihr Vorteil: sie spricht. Sind wir ehrlich, wenn Kommunikation nicht das entscheidende Merkmal für eine funktionierende Beziehung ist, was dann?

So verliert Arielle kurzzeitig ihr Herz und bald auch ihre Beine. Disney sei Dank nur das. Denn im Original verwandelt sich die trauernde Prinzessin in Meeresschaum, nachdem sie in einem Anfall von Kränkung und Eifersucht beinahe einen Doppelmord begangen hätte. Sie erkannte jedoch von sich aus: wo die Liebe halt hinfällt.

Bei Disney wird der Zuschauer natürlich nicht ins Unglück gestürzt. Da wird auf’s Happyend hinausgezögert so lange es eben geht.

Arielle bekommt ihre Stimme und ihre Flosse zurück, der Prinz erkennt ihre wahre (innere) Schönheit an und die hässliche gestörte Beziehung zu der aufgesetzten und verhaltensauffälligen Hexe. Immerhin eine Dame die versucht im Irrwitz alle Beteiligten umzubringen.

Letztlich werden alle gerettet, die Böse bestraft und Arielle hat die Wahl: zu den Menschen zurück oder bei ihrer Familie bleiben? Also ihren großen Traum verwirklichen oder in den Schoß der eigenen Sippe zurück? Arielle wählt weise.

Sie weiß nicht, ob nach der Hochzeit die Scheidung folgt oder sie ebenfalls als Alleinerziehende endet (Statistiken zu glauben, gar nicht so unwahrscheinlich). Sie weiß nicht, ob das ihr letzter Mann bleibt oder sie sich an Land nicht für eine Frau, eine Karriere, eine Katze etc. entscheiden wird. All das wissen auch die ZuschauerInnen nicht. Man darf munkeln und träumen.

Arielle ist nicht das Opfer ihrer Vaters geworden und nicht auf den good will ihres Mannes angewiesen. Sie darf gehen, sie durfte wählen. Sie ist das geworden, zumindest für einen Moment, was sie sein wollte. Wohin ihr Weg sie führt, wissen wir nicht.

Das verrückte an solchen Disney Neuverfilmungen ist, egal wie Recht man es den jeweiligen Generationen versucht zu machen, der Stempel sitzt. Disney, Hollywood, all diese Liebesgeschichten und Märchen, laden dazu ein über sie zu hetzen und sich über ein einseitiges Menschenbild zu beklagen. Zu Recht. Jedoch wird auch vergessen, hier geht es am Ende um eine Story. Ein Märchen. Eine Wohlfühlgeschichte. Wer sich den Schuh also anziehen möchte, zieht ihn sich an.

Alle anderen dürfen sich getrost den Kinoeintritt sparen.

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