ALLES OFFEN – HALTUNG

Offene Beziehungen geistern wieder durch die Gespräche der Mittdreißiger. Ein Konzept, sich gegenseitig sowas wie Exklusivität, bei absoluter Gelassenheit gegenüber anderen Sexpartnern, zu signalisieren.

Wer Lust hat mit anderen Menschen zu schlafen, sich vielleicht sogar ab und an neu zu verlieben, benötigt einen sehr toleranten und zuversichtlichen Partner. Wir wissen tief in uns doch alle, Treue und Bindung an nur eine Person, ist nicht leicht. Im Prinzip auch gar nicht nötig, außer bei der Aufzucht der eigenen Kinder und vielleicht noch, um im hohen Alter nicht alleine zu sterben. Wobei dies wiederum auch nicht leicht wird einzuhalten. Da wird doch ständig alleine gestorben.

Angenommen man lässt die Kinder und das Altern mal beiseite, was bliebe da noch? Der Wunsch nach Zugehörigkeit? Besitzansprüche? Romantik? Alles möglich. Leichter wird es bei der Durchsetzung dieser schönen Gedanken aber auch nicht. Es verliebt sich eben so schnell und Hormone, unsere uralten Bestimmungen die Art zu erhalten (also vermehret euch) und die Möglichkeit heute bedeutend älter zu werden als noch vor vier Generationen, macht es schwer sich dem oder der Einen zu verschreiben. Selbst mit viel gutem Willen und absolut bester Absicht.

Aber was bliebe uns?

Die offene Beziehung beleuchtet, fällt gleich auf, es braucht immer mindestens zwei Menschen die dem was abgewinnen müssen. Nur eine/r reicht nicht. Jemanden davon erst überzeugen zu müssen, führt zwangsläufig zu Problemen in der Zukunft. Da wird Eifersucht noch das geringste Problem bleiben. Wir plant man eine Zukunft miteinander, wenn beide Partner sich nicht voll und ganz auf den jeweils anderen einlassen können? Nicht einmal als Versprechen der ersten Verliebtheit. Wer sagt, ob der nächste nicht besser geeignet ist sein Genmaterial zu streuen (falls das überhaupt der Wunsch ist)? Wer kann wissen, ob sich aus einer kleinen Romanze nicht die große Liebe entwickeln wird? Natürlich niemand. Gilt auch für Beziehungen in „fester Hand“, selbstverständlich. Doch dort mag der Anspruch ein anderer sein, nämlich die Partnerschaft allen Verlockungen gegenüber den Vorzug zu geben. Vermutlich erfolgen Seitensprünge hier nicht weniger wahrscheinlich, aber die Fähigkeit zur Reue lässt so manche Beziehung im Anschluss wieder aufblühen und neu überdenken. Eine offene Beziehung lebt davon, jeder Verlockung nachgehen zu dürfen. Es gibt keine moralische Keule und keinen der Verbote ausspricht. Alles darf, Nichts muss. Alles kann zu einer Affäre führen und jede dritte Affäre zu einer neuen Liebe. Monogame Beziehungen führen eher um den heißen Brei herum. Da wird geguckt, geflirtet, geträumt. In der Phantasie ist alles möglich und zu Hause wird dann überlegt, ob auch nötig. Wer sich für eine offene Haltung stark macht, lässt es vielleicht schon öfter krachen. Die Wahrscheinlichkeit steigt, bei all diesen Möglichkeiten sich zu daten und unter Umständen wirklich kennenzulernen, den Partner aus den Augen zu verlieren. Wofür kämpfen? Wofür warten? Für wen die ganze Show der Partnerschaft?

Treue ist nichts anderes, als ein Versprechen.

Treue ist der Wunsch sich über alle anderen Paare zu stellen. Zu zeigen „Wir sind was besseres. Wir halten stand.“ Und dieser Wunsch besser zu sein, lässt die Beziehung im Idealfall auch ständig wachsen und reifen. Eine offene Beziehung kann auch reifen und wachsen, sie kann aber auch binnen weniger Veränderungen in die Brüche gehen. Wer weiß schon, ob es nicht doch weh tut, wenn der andere die Nacht woanders verbringt? Wer weiß schon, wie es sich anfühlt dem anderen am nächsten Tag unter die Augen zu treten? Wer weiß schon, ob die Geheimnisse die zwei teilen, unter zwei anderen nicht ebenso geteilt werden? Will man das? Wozu dann die Partnerschaft?

Schlimmer sind offene Beziehungen, in denen im Prinzip nur einer offen und der andere tolerant sein möchte. Einer spürt diesen Schmerz und der andere ignoriert ihn. Einer fühlt sich frei und der andere gefangen. Paare die sich trotz dieser Vereinbarung eigentlich nicht zusammenfinden. Die im Ungleichgewicht leben. Einer in ständiger Abhängigkeit, unter der Angst etwas oder jemanden zu verlieren. Verlust ist ein Schmerz, ähnlich dem einen Menschen sterben zu sehen. Das Gefühl diesen Kummer jeden Tag unterschwellig leben zu müssen, wäre für mich nicht auszuhalten. Wer sich also bindet, obwohl er eigentlich lieber gelöst leben und lieben möchte, möge sich ganz frei von Egoismus den entsprechenden Partner suchen. Alles andere ist Narzissmus in Reinform. Jemand der einen bestätigt und liebt, ohne tatsächlich etwas zurückzunehmen. Hörigkeit kommt dem gleich.

Gilt für beide Partner das gleiche, also entsteht ein Gleichgewicht, ist es möglich in einer offenen Beziehung glücklich oder unglücklich zu werden, wie in jeder anderen auch. Es kann geheiratet werden. Man kann sich fortpflanzen oder sich wieder trennen. Alles ist wie bei anderen, mit dem Extrakick nie etwas verpassen zu müssen. Und darum geht es doch oder? Nichts und niemanden zu verpassen.

Wer eine offene Beziehung ansteuert, hat Angst vor der Kürze des Lebens. In der Regel sind das Menschen die entweder resigniert haben, weil alle monogamen Beziehungen in die Brüche gingen oder die sich sorgen, in zwanzig Jahren etwas vermisst oder bereut zu haben.

Dass diese Einstellung nicht zwangsläufig endet, wenn man sich durch sämtliche Betten und Bars getrieben hat, sollte eigentlich klar sein. Ich kann zwanzig Jahre glücklich an der Seite meines Partners aufwachen und nichts vermissen oder alles hinwerfen, um zu sehen, ob andere Leute auch nur mit Wasser kochen. Ich kann jede Woche Dates mit anderen haben, um nach Jahren festzustellen, dass ich den oder die Eine habe dafür hergegeben. Ich kann alles und nichts erleben. Ich kann zurückblicken und wünschen andere Entscheidungen getroffen zu haben.

So funktioniert unser Leben aber. Es kann sich gut anfühlen immer im gleichen Dorf gelebt zu haben, jeden Strauch zu kennen, alle Nachbarn beim Namen. Es kann tröstlich sein, ein zeitlich begrenzten Leben überall auf der Welt genutzt, gelebt und genossen zu haben.

Je nachdem welcher Typ Mensch wir sind, steht es uns mehr oder weniger frei zu leben wie wir es uns wünschen. Es steht uns aber nicht frei diese Entscheidung für eine andere Person zu treffen.

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