VERANTWORTUNG

Bei meinem großen Kind habe ich es lange verpasst, beim jüngeren nicht. Verantwortung übergeben. Dem Kind zeigen wie etwas geht und es dann versuchen lassen. Einfach mal machen.

Mein großes Kind hat mit fast elf lernen müssen Verantwortung zu übernehmen. Die kindliche erste Neugier war immer da, aber da es schneller und einfacher ging, wenn Mama einfach übernommen hat, blieb der Elan irgendwann auf der Strecke und ich musste einsehen, mein Einsatz war nichts anderes als übergriffig und ein dickes Eigentor.

In mühevoller Arbeit, musste ich korregieren, was ich über Jahre eingebrockt hatte. Meinem Kind zeigen wie man in Eigenverantwortung Aufgaben übernimmt und vielleicht auch jenseits von Zwang eigenständig handelt. Leider so kurz vor der Pubertät eine Sisyphos-Arbeit. Rauf auf den Berg und mit Karacho wieder rückwärts runter. Mein Kind hatte keine Lust mehr. So bestach ich, gängelte, motzte und fordete ein. Mit schlechtem Gewissen arbeitete ich genauso oft, wie mit feministischen Parolen: hier wird die Arbeit geteilt!

Es half nichts. Ich musste meine Fehler eingestehen: hätte ich ihn damals machen lassen, geduldig gelehrt, statt jeden Handgriff vermieden, wären wir heute weniger gestresst, wenn ich ihn zu etwas auffordern muss, was er hätte selbstverständlich angehen können. Die paar Minuten Haushalt sind ja auch kein Weltuntergang.

Bei meinem jüngeren Kind lief es gleich anders. Ich half und unterstützte, musste aber auch erkennen, dass es Lust und genug Wissensdurst mitbrachte, um sich selbst in die Arbeit zu stürzen. Was heißt Arbeit? Hier war Arbeit gleich von Beginn an Spiel. Er nimmt sich die Lappen und wischt, räumt stolz seinen Abwasch in die Spüle und weiß wie man ein Bad zu hinterlassen hat. Im Urlaub lernte er jetzt den Abwasch zu spülen und obwohl ich bei jedem Glas ins Zittern geriet, gefiel mir diese Unabhängigkeit von mir enorm.

Darum geht es uns ja auch oft unbewusst. Wir machen sie so lange von uns abhängig, wie es geht. Um sagen zu können „Mama macht das schon, komm mal her!“. Die Kinder geben uns eine Aufgabe und Berechtigung zur Existenz. Ist natürlich Quatsch, aber so muss es vielen Müttern erscheinen. Ohne die tägliche Ration Haushalt, Stress und Kummer, bliebe uns ja nicht viel worüber wir uns beklagen könnten. Wie ihr merkt, schreibe ich hier bewusst provokant, denn auch ich höre oft von meinem Partner:“Wieso lässt du uns das nicht machen? Gib doch mal ab!“und muss mir dann wirklich die Frage stellen, was mein Problem ist.

Ist es einzig und alleine die Sorge die anderen könnten nicht gründlich genug arbeiten? Meinen und den Ansprüchen der anderen nicht gerecht werden? Habe ich zu wenig Geduld und mache es daher lieber schnell selbst? Oder bin ich nur gerne die Märtyrerin, die sich in ihrer Rolle für alle aufopfert und am Ende doch keine Medaille gewonnen hat?

Es ist leicht dem Kind zuzusprechen, es sei noch zu jung, unfähig oder ohne meine Hilfe verloren. Tatsächlich können selbst Menschen ohne Arme oder Beine sich wunderbar verwirklichen und ein selbstbestimmtes Leben führen. Tatsächlich können Menschen ohne Sehvermögen sich in dieser Welt bewegen. Tatsächlich können Kinder zu selbstständigen Erwachsenen werden und heute schon selbstständige Kinder sein. Es wäre fatal sich aus welchen Gründen auch immer einzureden, sie seien zu nichts in der Lage und aus Unlust oder falscher Nächstenliebe ihre Kompetenzen zu untergraben.

Kinder an den Abwasch!

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