OBERFLÄCHENAMT

Gestern am Badesee sah ich sie kommen, die nächste Sinnkrise.

Eine ungerechtfertigte Haltung mir und meinem Körper gegenüber, die auch Jahre nach Therapien, schlauen Erkenntnissen und Achtsamkeitstraining einfach nicht verschwinden will.

Ich fühle mich am Strand unzulänglich.

Habe ich zu Hause vor den Spiegel noch ein durchaus positives Körpergefühl, bei dem ich mich nicht nur wohl, sondern auch richtig dazugehörig fühle, fehlt davon am Strand, unter halbnackten Menschen wieder alles.

Da trimme ich mich wochenlang, esse bei diesem Wetter sowieso nur Wassereis und Salat, aber zwischen meiner Decke und dem kühlen Nass gestaltet sich der Weg zum Spießrutenlauf.

Es wird verglichen, es wird abgecheckt und bewertet und bitte tut nicht so, als sei da nichts dran. Ist es nämlich.

Während ich mir die schönen Menschen nämlich genauso ansehe, in traumhafter Bikinimode oder neckisch beim Spielen im Wasser, werde ich ebenfalls gründlich unter die Lupe genommen.

Da schauen die ersten Leute neugierig, wie ich mich beginne mehr oder weniger umständlich aus meinem Kleid zu schälen. Wurde mir eine Stunde zuvor noch ein Kompliment hinterhergerufen, sehe ich mich hier völlig außer Konkurrenz. Denn blass und wabbelig gibt es nicht.

Früher hatte ich Hemmungen mich überhaupt auszuziehen. Seit der Geburt meiner Kinder, durchziehen mich wunderschöne, total unnötige Schwangerschaftsstreifen. Von Brust bis Wade alles voll. Zum Glück werden die Dinger mit der Zeit blass, aber weniger leider nicht. Und so tanze ich den Affentanz bis ins rettende Wasser und wäge ab, ob ich einen Herzinfarkt riskiere oder die Blossstellung, durch ein zu langes Preisgeben meiner Schwabbelstellen und wähle den Herzinfarkt (soll heißen, ich hüpfe ins kalte Wasser, ohne mich vorher nass zu machen).

Im Wasser überlege ich schon, wann ich wohl Lust habe mich wieder nach draußen zu begeben. Die Antwort lautet stets: nie.

Ich war noch nie ein freier Mensch. Von klein auf erinnere ich mich, wie ich neben meinem besten Freund im Auto saß und unsere Beine verglichen habe. Er hatte diese jungstypischen Streichhölzer und ich war sicher auch sehr schlank, aber eben nicht dürre. Also hob ich die Beine etwas an und versuchte die ganze Autofahrt bis zum Strand keine ungeschickte Bewegung zu machen. Ich war die ungeschickte Bewegung. Schon im Alter von sechs total verhaltensauffällig. Nicht auffällig genug. Meine Mutter wusste von all dem nichts.

Mit elf machte ich dann meine erste Diät. Bis heute sind es unzählige. Ich nahm unfreiwillig ab, als man mir die Mandeln entfernte. Anschließend lobten alle meine schlanke Figur. Ich ernährte mich lange nur noch von Brei, weil mir die Komplimente so gut getan hatten.

Mit 14 sah ich einen Film über eine Magersüchtige. Ich nahm sie mir zum Vorbild und begann mit Sport und Diät. Bei 46 kg war ich mir immernoch zu dick. Ich sah sicher aus wie eine Schnur und meine besten Freundinnen und ich waren in einem irrwitzigen Wettbewerb getreten. Wir wollten alle schlank sein. Juhu, was für ein blödes Ziel. Als sei uns schlank irgendetwas leichter gefallen. Schule, Pflege der Beziehung zu unseren Eltern, die Pubertät.

Mit 17 war mir das Diät halten zu blöd und anstrengend. Ich war ein wandelndes Jojo und begann mich von nun an lieber zu übergeben. Wer denkt, dass sei ein einfacher Weg um abzunehmen, irrt. Ich war ausgelaugt und mir erging es schrecklich. Niemand merkte etwas und so fuhr ich wieder viele Nettigkeiten ein. Schlank zu sein, wird in unserer Gesellschaft nun einmal mit erfolgreich und begehrenswert gleichgesetzt. Wer eine 17 jährige begehrt, hat sie doch nicht alle. Die Männer die mir nachrannten, waren peinliche alte Kerle oder oberflächliche Proleten. Mir gefiel es.

Als sich mein Freund von mir trennte, da war ich ca. 23, begann ich meine Bulimie von neuem. Es sollte nochmal vier Jahre dauern, bis ich damit aufhören konnte. Es soll vermutlich ein Leben dauern, sie in Schach zu halten.

Und nun stehe ich da, vergleiche mich noch immer. Bin erwachsen geworden und dem kindlichen „habt mich lieb“ doch noch immer nicht vollständig entwachsen. Woher die Essstörung kommt, weiß ich. Ich habe mich mit allen Dämonen versöhnt und mich zumindest nach außen für einen Weg entschieden, der anderen erzählt was sie hören wollen: wir sind alle stark und schön und wertvoll. Wir sind alle gut wie wir sind. Wir sind nicht unsere Hülle. Unser Körper ist unser Tempel usw.

Diese Stärke verlässt mich immer dann, wenn ich die Hülle meiner Hülle abstreifen muss. Ob beim Arzt, am See oder beim Sex mit dem Partner. Ich werde dann zum weinerlichen Teenager, ach was, zu dem kleinen Mädchen im Auto, welches sich verbiegt, damit es schlanker aussieht.

Es sind nicht die Trigger die jemand setzt, damit ich mich schlecht fühle. Es sind die eigenen Ängste und Bedürfnisse nach Anerkennung und gegen Abwertung.

Ich muss nicht mehr die Mechanismen erkennen, um sie zu verändern. Man kann sich nie vollends umprogrammieren, wo Jahre lang der Weg gezeichnet wurde. Es ist wie mit einer Sucht, hat man sie besiegt, beginnt der Kampf erst.

Wer eine gestörte Wahrnehmung bezüglich seines Körpers hat, behält sie häufig. Es lebt sich meist in Extremen. Diäten, Hunger, Fressen, Scham und manchmal auch Wut.

Wenn ich Frauen sehe die sich die Beine nicht rasieren, würde ich am liebsten aufstehen, sie umarmen und sagen „Danke Schwester!“. Diese Stärke, diese Haltung sich gegen Blicke und gegen alle Vorgaben wohlzufühlen, fehlt mir.

Ich kann mir von den anderen nichts abschauen, was ich nicht tatsächlich so fühle. Es lebt sich, aber nicht frei von Zwängen und unter Druck.

Für meine Zukunft wünsche ich mir, viele Sommer am Strand, ohne Herzinfarkt im Wasser. Ich möchte aus mir herauswachsen. Größer sein als meine Dämonen. Ich möchte so sein, wie ich es behaupte.

Niemand, nicht einmal ich, habe das Recht mich um mein Leben zu bringen. Ich sollte mir ein verdammtes Geschenk sein.

Ein Kommentar zu „OBERFLÄCHENAMT

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