SCHIEFLAGE

Fühlen sich eigentlich alle Eltern so ahnungslos wie ich?

Meine Kinder sind mir heilig. Sie waren gewünscht und werden geliebt. Selbst im schlimmsten Streit oder größten Stress, vermisse ich sie, wenn sie beim Vater sind, so dermaßen, dass ich Bauchschmerzen bekomme.

Es fällt mir schwer zu glauben, dass ich ihnen nicht jeden Wunsch von den Augen ablesen würde oder zumindest immer versuche, ihnen das beste Leben zu ermöglichen, welches ich in der Lage bin zu bieten.

Und dennoch ist es wahnsinnig anstrengend. Ein Leben alleine mit ihnen, hat so viele bedauerliche Umstände nach sich gezogen, dass es sich oft anfühlt wie ein Fehler. Fragen wie:

„Habe ich zu früh Kinder bekommen?“ „Kann ich ihnen je gerecht werden?“ „Was mache ich falsch oder die anderen richtig?“ „Warum geht bei uns einiges schief und bei anderen nicht?“ umtreiben mich andauernd.

Kinder zu bekommen, führt zwangsläufig zu einem völlig neuen Leben. Nicht nur die üblichen Gewohnheiten die sich verändern, sondern man selbst, als Mensch, als Frau, verändert sich mit. Ihre Entwicklung ist meine Entwicklung. Ihr Wachstum ist mein Wachstum. Ihr Scheitern ist mein Verschulden usw.

Alles was ich den Kindern anfangs mit gab, waren meine Gene. Später sollten eine Reihe schlauer und dummer Lebensweisheiten und Erziehungsmodelle folgen. Ich probiere mich am großen Kind aus und am kleinen wird dann das Erprobte zielsicher umgesetzt.

Mein großes Kind ist dabei eine richtige Herausforderung. Es ist anders geraten, als ich es mir vorgestellt habe. Es ist so, dass ich es liebe und im ständigen Zwiespalt mit uns haderte. Manches Mal bin ich verzweifelt, weil dieses Kind nicht so „funktioniert“, wie die Kinder anderer Eltern. Manchmal bin ich froh, weil es so ist wie es ist und mir eine Menge über das Leben beibringt. Über mich. Über sich. Viel besser, als ich es könnte.

Mein Gewissen ist dabei stets mein schlimmster Kritiker. Da wird gepöbelt und gemurrt:“Wieso machst du das denn? Du hast ja keine Ahnung!“. Mein Kind verurteilt erstmal gar nichts von all dem was ich so mache. Natürlich erprobt auch dieses Kind, wie so viele andere, seine Autonomie und hat bereits zarte Anwandlungen von Pubertät gezeigt. Darum geht es aber nicht. Die eigenständige Persönlichkeit die es jetzt schon ist, ja sogar immer war, bringt mich oft um den Verstand.

Da gibt es so viele Unterschiede zwischen uns, dass es mir schwer fällt nicht das Handtuch zu werfen. Es gibt Gemeinsamkeiten, wie Eigenschaften die ich an mir hasse, die mein Kind weiterlebt. Es gibt Situationen, da erkenne ich mich und all die Stärken und Kompetenzen wieder, was mich erfreut und stolz macht. Dann gibt es Dinge, die ich nicht nachvollziehen kann und begreife. Tatsächlich mehr als genug. Eine absolute Fassungslosigkeit gegenüber dem Kind, dass ich großziehe, pflege, hüte und liebe, sich aber anders als erwartet, sagen wir eher erhofft, entwickelt hat.

Es führt nicht selten dazu, dass ich mir mein Kind wegwünsche. Genau so viele Minuten wie ich diesen Gedanken laut bei meiner besten Freundin oder meiner Mutter ausgesprochen habe, um ihn sofort wieder zu bereuen und dreimal auf’s Holz zu klopfen. Niemals würde ich überleben, wenn eines meiner Kinder mich für immer verlassen müsste. Schon der Gedanke daran, macht mich unglücklich.

Ich kann den ganzen Tag mit Bauchschmerzen über schlechte Gedanken herum laufen, bis ich im Form von positiven Handlungen alles wieder scheinbar gut gemacht habe.

Mir fehlt eventuell das Gegenstück zu mir. Eine Elternrolle, die es erlaubt weniger streng, weniger achtsam, weniger perfekt und verantwortlich sein zu müssen. Jemand der als Korrektiv gegenlenken kann. Jemand der mir und den Kindern ermöglicht nicht alle Rollen auf einmal bedienen zu müssen, sondern eine Linie zu fahren.

Alleinerziehend zu sein, kann bedeuten alle Kämpfe alleine auszufechten. Alle Rollen zu bedienen. Alle Methoden durchzuspielen. Alles und nichts zu verstehen und zu probieren. Es kann bedeuten, ein Kind damit zu verunsichern. „Wer bist du eigentlich, Mama?“. Es kann bedeuten, dem Kind nicht immer gerecht zu werden und dadurch weniger selbstkritisch Gesagtes und Getanes zu hinterfragen. Es gibt ja niemanden außer dem Kind, um darauf aufmerksam zu machen.

Kinder begreifen nicht was schief läuft oder wie man es ändern soll, aber sie spüren diese Diskrepanz. Diese Ambivalenz und den Kummer. Sie fühlen wie der andere sich windet unter der Last der Verantwortung. Die fühlen die Unsicherheit und werden es ebenso. Der Druck auf allen Schultern ist enorm.

Mich wundert gar nicht so sehr, wieso mein Kind mich manchmal auf harte Proben stellt und mir schon häufig gezeigt hat, wie unfähig ich eigentlich bin oder war.

Ein Kind ist ein Mensch, der sehr lange in Abhängigkeit zu einem Erwachsenen lebt. Mindestens einem.

Sich dafür an diesem und/oder der Welt ein bisschen zu rächen, kommt oft vor. Es wäre schöner, wenn es allen Beteiligten leichter fiele. Es wäre schöner, wenn ich mich nicht so hilflos und dumm fühlen müsste.

Sich für ein Leben zu entscheiden, bedeutet viel Aufgabe und es bedeutet eine lebenslange große Liebe.

Es kann gar nichts anderes bedeuten…

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