MIT DEM KOPF GEGEN DIE WOLKEN

… stoße ich vermutlich irgendwann, wenn ich weiter so wachse, wie in den letzten zwei Jahren.

Dieser Text soll sich um mein Lieblingsthema drehen: die Liebe.

Ich habe eher wenige Texte zur Liebe geschrieben, gemessen an all dem Stuss den ich sonst so zu sagen habe.

Am wichtigsten ist mir aber immer die Liebe gewesen.

In meinen letzten Beziehungen war ich stets unsicher und wütend. Das eine bedingte das andere. Und so habe ich mich schonmal um Beziehungen gebracht, von denen ich absurder Weise sogar bis zu ihrem Zusammenbruch überzeugt war.

Menschen kamen in mein Leben und blieben mir im Herzen erhalten. Klitzekleine Narben erinneren mich an jede Enttäuschung und den Kummer nach einer Trennung. Habe ich mich öfter von meinem Partner getrennt als umgekehrt? Aber hallo! Ich war Expertin darin zu gehen. Oft theatralisch und manchmal voller Hoffnung auf einen filmreifen Moment der Reue meines Gegenübers. Manchmal bekam ich diesen sogar, was dazu führte, dass ich in der kommenden Beziehung noch überzeugter, ja sogar überheblicher auf meine Rechte pochte und die des anderen zu unterdrücken vermochte.

Die Geburt meiner Kinder machte mich nur anteilig demütig. So war ich überzeugt jede Affäre und jeden Betrug rechtfertigen zu können, statt mich einfach aus meiner toxischen Beziehung zu lösen. Ich ging sehr krude Methoden durch, meinem Gegenüber das Gefühl zu geben, wir können alles schaffen, wenn wir nur daran arbeiten würden. Aber habe ich gearbeitet? Habe ich mich wirklich auf den anderen eingelassen? Viel wichtiger noch, wusste ich überhaupt auf wen sich der andere einlässt?

Ich habe mich erst sehr spät kennengelernt. Aus vielerlei Gründen war es mir unmöglich mich anzunehmen und zu akzeptieren, dass ich weder wie meine Mutter, noch wie eine gesellschaftliche Vorstellung sein muss. In meinen Beziehungen pflegte ich schmerzlich oft eine Ambivalenz zwischen Autonomie und tiefem Masochismus. Ich war so devot, bei gleichzeitigem Wunsch mich freizustrampeln, dass es dem Partner schwer gefallen sein muss mich einzuordnen. Das mag anfangs reizvoll gewesen sein, nervte aber nach den ersten Honeymoon Wochen gewaltig. Und so gelang es mir zu Beginn immer alle für mich zu begeistern, diese Begeisterung aber nicht zu halten. Das Pulver war verschossen und die Liebe erloschen.

Meine letzte Beziehung ging nach vier Monaten in die Brüche, obwohl ich schon mitten in einem Prozess des Reifens steckte. Nicht ausgereift, aber reifer.

Es war mir ernst mit dem Mann und ich ließ mich dennoch nicht unter Wert verkaufen. Langsam begriff ich wer ich war und wo ich hinwollte. Dennoch, es fehlte noch die entscheidende Stärke mich zu behaupten. Locker zu lassen, Entspannung aufzubauen und Anspannung ab. Ich tappte in die gleiche Falle wie so oft und wurde in einer Mischung aus großzügigem Zugeständnis all seiner Ideen und Handlungen und aggressivem Neid, weil er mich weniger einbezogen hatte, als die Leine die ich ihm ließ lang war.

Auf dem Papier war ich toll. Ich wirkte erstmal ruhig und gelassen. Erwachsen eben. Doch als er sich Spielraum nahm, wo er meine Grenzen erreichte, brach in mir das alte Muster auf, mich blindlinks in Rage zu diskutieren. „Wieso bist du jetzt so?“

Ich wollte ihm ja die Frau sein, die ich selbst immer sein wollte. Es gelang mir nur noch nicht. Es wirkte nicht authentisch. Alles Gesagte verlor sich im Gelebten. Eifersüchtig und unfähig zu erkennen was ich falsch gemacht hatte, beendeten wir die Beziehung. Er wollte zurück, aber ich hatte erkannt, dass es kein Zurück geben konnte. An ihm war ich gewachsen, aber nur, weil ich erkannte wie ich nicht mehr sein könnte. Unecht.

Meine jetzige Beziehung wollte ich anders beginnen. Ehrlich von Beginn an.

Ich reflektierte, was ich bis dahin anders gelebt hatte. So hatte ich mich für Verabredungen zum Beispiel stets rausgeputzt, aber nie gezeigt wie der Morgen danach sich vermutlich im Laufe der Zeit offenbaren könne. Also ging ich ohne viel Drama zu unseren Dates, in weiten Pullis oder bunten Kleidern und überließ ihm, ob er es mochte oder nicht. Ich setzte keine Trigger. So bediente ich auch nicht mehr die Schublade: sexy und unschuldig und unterließ es auch betont locker und cool rüberzukommen. Mal ehrlich, welcher Mann fällt ernsthaft darauf herein und welche Frau bekommt jemals so viel Mühe und Sinn für’s Detail von einem Mann präsentiert? Eben.

Als nächstes lernte ich, besser zuzuhören. Was will der andere überhaupt? Sex? Nur Dates? Beziehung? Und wenn ja, welcher Art? Passte es mir oder nicht und wenn nicht, warum etwas künstlich verlängern? Also gab ich gleich preis wo der Schuh drückte und hielt kein Blatt vor den Mund. Wozu auch? Tränen vergießen sich viel zu oft, wenn man anschließend kapiert wie wenig gemeinsam man doch hatte.

Und dann geht es los. Das Verstehen. Sich kennenzulernen bedeutet, die erste Zeit des sich Verliebens genussvoll mitzunehmen, ihr aber nicht allzu große Bedeutung beizumessen.

Da sind jetzt zwei randvoll mit Hormonen und jedes Stelldichein führt zu einer Intensivierung des Bindungswunsches. Plötzlich schmiedet es sich so leicht Hochzeitspläne und die Horoskope werden heimlich vor jedem Date auf gute Nachrichten überprüft.

Hat man sich durch diese Phase durchgebumst, folgt die erste Ernüchterung. Streits kommen zwangsläufig irgendwann hinzu. Es wird ausgetestet, ob der andere auch bleibt, wenn das Haar in der Suppe gefunden wird.

Anfänglich wird sich großzügig versöhnt und später vielleicht wütend getrennt. Diese Phase zu durchstehen ist hart und bei mir meist nur nicht gekippt, weil ich vorher schwanger wurde. Shame on me.

Haben wir diese Zeit irgendwie gemeinsam gemeistert, beginnt nochmals eine Zeit des Glücks. Jetzt kennt man sich besser, die Verwandtschaft und alle Freunde haben schonmal von einem gehört und das Ding darf sich Beziehung nennen.

Aber Achtung! Jetzt geht’s erst richtig los! Die Rollenfindung. Ein Graus.

Hier wird nochmals festgestellt, dass es sich bei uns jeweils um zwei Individuen handelt, die völlig eigenständig sind. Beide müssen jetzt ausloten, wie weit sie gehen können, wo sie zurückstecken werden und ob die Partnerschaft das überlebt.

Nicht selten werden hier Beziehungen wieder gelöst. Oftmals mit Vorwürfen gespickt, der andere hätte ja nie gepasst, nicht verstanden, nicht geliebt. So einfach ist das aber nicht. In der Phase der Rollenfindung, kann man sich über Jahre streiten, versöhnen, lernen und wachsen. Es ist anstrengend und doch wunderschön. Wer diese Zeit schafft, wird sich hinterher nicht so leicht trennen können. Da stecken plötzlich gemachte Erfahrungen hinter, die ein frisch verliebtes Paar nicht im Ansatz hatte.

Und so liebt und hasst es sich und den anderen oft gleichzeitig. Kleinigkeiten werden zum Auslöser großer Konflikte und verzweifelt reibt man sich am anderen. Die Freundinnen schauen schon kopfschüttelnd und raten zur Trennung, aber so sollte es nicht funktionieren.

Es sollte auf Kompromisse gebaut werden und auf den klaren Gedanken, dass wir alle uns in unterschiedliche Richtungen entwickeln werden, uns immer weiter bewegen, aber das spannende Ding Liebe unter all dem nie leiden muss.

Wenn Partner erkennen, dass es möglich ist die Beziehung reifen zu lassen und alle Veränderungen zu einer Neujustierung führen sollten, ist die Hälfte der Wahrheit schon gesagt. Der Rest sollte aus dem bestehen, was wir Liebe und Anerkennung nennen. Zu sehen, dass in dem anderen noch immer der steckt, mit allem was wir anziehend fanden, von einst. Nur älter geworden, um neue Erfahrungen reifer.

Viele Paare schaffen es nicht sich zu justieren. Sie spüren nichts als Schmerz und Verzweiflung. Sie denken ihre Autonomie aufzugeben, wenn sie Kompromisse eingehen oder auch mal einfach abwarten. Sich aber fallen zu lassen und darauf zu vertrauen, dass auch die eigene Entwicklung nie nachlässt, ist schwer. Alles fühlt sich fremd an und unlösbar.

Natürlich sollte an beiden Enden der Beziehung immer Respekt und Achtsamkeit vorausgesetzt werden. Miteinander zu reden, ist dabei unerlässlich.

Dem anderen mitzuteilen wie man sich fühlt. Zuzuhören. Auch zu akzeptieren, was wir nicht verstehen. Noch nicht.

Es ist wichtig genommen zu werden wie wir sind. Aber nehmen wir auch wie der andere sich gibt? Wenn ich nur gebe oder nur nehme, verliere ich mich und den anderen. Zwei Beziehungen für die Tonne.

Sich und den anderen begreifen, reflektieren und anzuerkennen, ist wichtig. Auf Augenhöhe bleiben, auch wenn sich diese manchmal nicht danach anfühlen wird.

Es ist mir schwer gefallen mich selbst zu finden und anzunehmen. Ich dachte, nur ein anderer kann mich wirklich komplettieren. Und ja, vielleicht glaube ich auch an die eine Liebe. Die wahre und ewige und den ganzen Seelenkram. Was ich aber weiß und nicht glauben muss, ich muss mit mir noch viel länger im Reinen sein, als mit all den anderen da draußen. Und so geht es meinem Gegenüber doch auch.

Lassen wir uns gegenseitig leben, wachsen und lieben.

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