DAS INTERESSIERT KEINEN, STEPHANIE

Wer Social Media genauso aufmerksam wie süchtig verfolgt (einschließlich mir), trifft auf ein Phänomen, welches so alt ist wie die Menschheit selbst: der Drang nach Selbstdarstellung.

Da räkelt sich jemand leicht bekleidet in der Badewanne, auf dem Sofa, im Bett, vor dem Laptop oder am Arbeitsplatz. Es wird das Essen vom Frühstücksmorgen fotografiert und die neuesten Tindergeschichten veröffentlicht. Selbstoffenbarung soweit das Auge reicht.

Manche Menschen teilen wichtige und spannende Anekdoten und andere jedes Fitzelchen ihres Tages. Einige haben Botschaften und andere nur Lust sich zu vermarkten.

Wer sich online nackig macht, tatsächlich oder im übertragenen Sinne, erwischt immer mindestens eins, zwei Leute die sich dafür interessieren könnten. Mehr Bestätigung als im Alltag. Auf jedes Foto eine Reaktion. In Form von Likes oder Kommentaren.

Im realen Geschehen passiert sowas eher selten. Ob alleine im Büro oder während der Fahrt in der Bahn, wer sich dort mit einer vermeintlich guten Idee plagt, die so unters Volk drängt, bliebe ewig unbefriedigt, wäre da nicht das Internet.

So lässt es sich wunderbar über andere lästern und man verkauft diese eigentlich moralisch fragliche Einstellung als sinnstiftend. Es wird Humor bewiesen bei der Darbietung und die Follower schreiben sich die Finger wund, teilen und fügen ihren Seelenmüll eifrig dazu.

In der Realität würde sich vielleicht noch die Mühe gemacht zu Hause am Abendbrotstisch mit dem Mann zu reflektieren oder der nächsten Kollegin den Tratsch brühwarm beim Kuchen aufzutischen. Online geht das alles viel subtiler. Man muss seinem Publikum ja schließlich was bieten und so wird aus jeder Kleinigkeit ein goldverzierter Scheißhaufen gezaubert.

Da fahren Influencer in den Urlaub und verkaufen ihren Kram jetzt eben mit Strand-Kulisse, statt vom heimischen Sofa aus. Es wird eine Story nach der anderen abgedreht, weil die Online- Community ja schließlich auf Content wartet und jedes Supermarkterlebnis zu einer pointierten Geschichte. Wie man sich vermarktet, hängt vom derzeitigen Bedarf des Konsumenten ab.

Was ist gerade gefragt? Was bringt Clicks? So durchforstet man andere Profile und zieht seine Schlüsse, unabhängig davon, inwiefern man tatsächlich noch glaubwürdig bliebe. Hashtags wie „vegan“ oder „fitgirl“ fehlen unter keinem Bild, obwohl ganz klar vom letzten Grillabend eine Fotocollage samt Käseplatte und Fleischspieß gepostet wurde. Wer kann da auch schon so kleinlich sein? Es wollen schließlich viele Menschen und Bedürfnisse befriedigt werden.

So passiert es auch nicht selten, dass man sich in Widersprüchen verstrickt, weil man noch vor Monaten ganz sicher dieses und jenes unter Garantie niemals tun wollte, um sich dann mit dem schwachen Argument „ich werde mich nicht rechtfertigen“, aus der Affäre zu ziehen.

Nicht wenige Selbstdarstellungen laufen auch gerne ins Nichts. Die Follower haben Eichhörnchenköpfe. Sie reagieren auf jeden Impuls und davon gibt es online wahrlich viele. Um die Massen also kurzzeitig bei Laune zu halten, darf schnell ein Nacktfoto für Abhilfe sorgen. Natürlich alles unter dem Vorwand der Kunst. Doch sind die PoserInnen tatsächlich KünstlerInnen oder einfache Wendehälse?

Es gibt nicht viel was man diesen Menschen vorwerfen kann. Sie sind ein Zeichen ihrer Zeit und Generation. Sie haben den heiligen Gral der ewigen oder sagen wir eher kurzzeitigen Bestätigung gefunden. Ruhm ist ja leider vergänglich und jede Zeit läuft unter der absoluten Talentlosigkeit einmal ab. Ältere Frauen werden von jüngeren ersetzt, stahlharte Männer bekommen einen Bierbauch, Feministinnen werden zu Hausfrauen und Punks zu Vorstadtvätern. Alles eben vergänglich. Alles schon immer so gewesen.

Wer sich aber mit diesen fünf Minuten Aufmerksamkeit wohl fühlen und abfinden kann, wird eine Menge Spaß haben. Sich online zu tummeln und immer mal einen Kick zu erfahren, weil der Briefkasten Post ankündigt, hat schon was…

Alle anderen sollten sich baldmöglichst fragen, was sie nach dieser glorreichen Zeit mit ihrer Freizeit anfangen werden? Ob sie den geschriebenen und geposteten Seelenstrip auch Jahre später noch von ihren Chef nachvollziehen lassen wollen und ob ihre Kinder später genauso viel Verständnis für die gemachten Kinderfotos auf dem Topf haben werden, wie ihre Eltern es einst glaubten.

Aufmerksamkeit ist nicht alles. Und nicht alles was du erlebst und tust, ist von Interesse.

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