SCHAM UND SCHULD

Durch die sozialen Medien geistert ein eigentlich sehr sozialer Begriff. „Shame“.

Etwas oder jemanden zu beschämen, ihm oder ihr das Gefühl zu geben, etwas falsch zu machen, kann ordentlich nach hinten losgehen.

Es gibt nur selten das Recht, eine mir unbekannte Person zu verurteilen, deren Leben und Umstände mir so gut wie unbekannt sind. Ich kann mir Gedanken zu jemandem machen und jeder von uns hat gewisse Vorurteile, die auch mal einem Zweck gedient haben und heute auch ab und an helfen können etwas oder jemanden besser einzuordnen, aber niemand möchte tatsächlich in diese Ecke gedrängt werden.

Sich für sich oder eine gemachte Tat zu schämen, sollte i.d.R. Folgen nach sich ziehen. Automatisch setzt der Wunsch nach Veränderung und Verbesserung ein. Wird man zu oft von außen beurteilt, leidet das Selbstwertgefühl. Sich selbst gut einzuschätzen, wenn andere einen ganz anders einschätzen, schadet der Seele.

Anders als jemanden zu beschämen, in dem man nicht nur immer verurteilt, sondern vielleicht auch Gewalt in Wort oder Tat antut, ist die Ausübung von Kritik.

Manche KritikerInnen richten sich an eine breite Masse, in der sie nicht jede Zelle berücksichtigen, sondern auf Missstände aufmerksam machen, die vielleicht ein oder zwölf andere einschließt, die hätten rausgerechnet werden müssen.

Es ist zum Beispiel völlig ok eine Umweltbilanz zu ziehen und kritisch an KäuferInnen , zu appellieren die ihr weniges Geld in Billigketten stecken, um genau das zu bedienen, was ihnen der Markt vorlebt: Konsum ist gut. Kauf dich pleite. Du brauchst das alles. Nimm noch mehr.

Es werden sicher auch Menschen unter die Kritisierten fallen, die ihr Geld einfach gerne für schöne Dinge ausgeben, weil das Leben sie trostlos bei den Eier(stöcken) gepackt hat und Shopping eben so beruhigend ist. Es werden Menschen unter den Primark und Amazonkunden sein, die ihre Kleidung danach weiterverschenken, einer Wohltätigkeitseinrichtung spenden oder fünf Kinder zu versorgen haben. Der durchschnittliche Shopper ist allerdings einfach noch jung, naiv und süchtig.

Natürlich gefällt es uns nicht für unsere Lebensweise kritisiert zu werden, sie deshalb vom Prüfstand zu nehmen und ein Umdenken anzustreben, kann aber niemals falsch sein.

So wurde den Grünen oft vorgeworfen sie seien eine Partei der NörglerInnen und des Verbotes. Niemals haben sie den Menschen Veganismus auferlegt oder Tempolimits ungefragt durchgedrückt. Ihre WählerInnen kannten im Idealfall das Parteiprogramm und vor den Wahlen waren sie mutig genug zu zeigen worauf sie Wert legen. Viele Parteien spielen lieber mit dem Gedanken dies erst nach Wahlsieg zu tun.

Natürlich muss auch niemand alle über einen Kamm scheren, aber so oder so, egal an welcher Front, so etwas geschieht immer automatisch und von der jeweiligen Person in angeblich bester und harmlosester Absicht.

Frauen die Männer reduzieren, insbesondere alte mit weißer Hautfarbe. Würden sie es genauso genau nehmen, wie sie es sich umgekehrt an Respekt und Achtsamkeit wünschten, würden sie erkennen, das ihr Vater, ihr Großvater oder ggf. bald ihr eigener Mann und Sohn ein alter weißer Mann werden würde und dieses „Synonym“ verletztend und diskriminierend daherkommt.

Menschen zu kritisieren, ist nie leicht. Es sollte eine Kritik an die Gesellschaft sein, aber wer ist die Gesellschaft? Es ist kein farbloser Begriff, den man nicht zuordnen kann. Die Gesellschaft sind wir. Menschen.

Wer die Politik angreifen möchte, greift sich als WählerIn an. Wem habe ich da noch gleich vor Jahren meine Stimme gegeben? Ach ja. Den gleichen Leuten, denen ich heute Vorwürfe mache. Aber habe ich auch jemals in den Wahlprogrammen gelesen und war ich selbst jemals auch nur politisch aktiv oder mindestens interessiert? Eher nicht.

Menschen zu beschämen, kann als Boomerang die fatale Folgen nach sich ziehen, ebenfalls beschämt zu werden. Jeder hat seine Leiche im Keller. Manche sind passionierte Fleischesser, obwohl längst klar ist unter welchen Bedingungen das Tier aufwachsen und sterben muss. Manche sind leidenschaftlich gerne im Flieger unterwegs, weil Zugfahrten beschwerlicher sind und viele Orte unerreichbar blieben. Es ist völlig ok diese Leute darauf aufmerksam zu machen, was ihr Handeln nach sich zieht. Alles müsste reflektierbar bleiben. Ohne Scham und ohne Schuld.

Ich weiß, wenn wir Fisch essen, nehmen wir irgendwem die Lebensgrundlage auf dieser Welt und sei es nur dem Fisch. Ich weiß, die Sachen die ich trage sind unter schrecklichen Bedingungen produziert worden und fühle mich schlecht, wenn ich inzwischen sehe wie viel Plastik ich bei einem schnöden Einkauf mitnehme. Ich sehe, dass ich oftmals verstaubte Ansichten hatte, ob in der Pädagogik oder im Umgang mit Feminismus.

Hätte nicht irgendwo auf dieser Welt mir irgendwann einmal gesagt was wir (also auch ich) falsch machen, wäre es mir nie aufgefallen.

Es ist mir hierbei egal, ob der Einzelne sich angesprochen fühlt oder die Politik. Ich bin die Politik. Wenn ich mich für mein Tun und mein Handeln schäme, werde ich politisch. Wenn ich mich dabei ertappe wie ich ausbeute, viel zu wenig über den Tellerrand schaue usw., werde ich im privaten kreativer bei der Umsetzung einer Verbesserung. Mülltrennung ist entstanden, nachdem dem Verbraucher gezeigt wurde wie achtlos er mit seinem Kram umgeht. Sicher, es mag Menschen geben die aus Einschränkungen heraus nicht trennen können, aber in der Masse gibt es genug die es könnten und die den Schubs von außen gebraucht haben.

Niemand hat das Recht eine Frau im Minirock für ihren Entschluss diesen zu tragen, zu shamen. Niemand hat das Recht einem kleinen dicken Jungen zu sagen er sei fett und kann doch im Sommer keine kurzen Hosen tragen. Niemand hat das Recht einem Menschen das Gefühl zu geben, für eine angeborene Sache bemitleidet oder beschämt zu werden. Für unsere Taten können wir uns aber durchaus mal hinterfragen.

Wir sind was wir tun, nicht was uns die Geburt vorgab zu sein.

6 Kommentare zu „SCHAM UND SCHULD

  1. Ich glaube die Menschen sind deshalb so invasiv,
    wenn sie es denn sind, weil sie sich dann selbst versteckt fühlen.
    Mein Lieblingsstatement ist immer: „Ich verstehe das eben nicht!“
    Subtext: Meine Toleranz ist so schmalspurig wie meine Empathie.
    Dabei muss man die Dinge die einen nichts angehen gar nicht verstehen.
    Es reicht die Einsicht dass es dort wo mich keine Wirkung trifft,
    logischerweise auch mein Urteil nicht gefragt ist.
    Solche Menschen fühlen sich einfach nur gerne verdammt wichtig,
    aus der Angst heraus dass ihnen dämmert sie wären es nicht.

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    1. Die Frage ist ja auch, warum es uns so wichtig ist wichtig zu sein? Für mich sind Experten auch nicht immer gleichbedeutend mit Menschen die ausschließlich aus Erfahrung berichten. Ich kann mir Jahre lang Wissen aneignen und Erfahrungen sammeln sich auf unterschiedliche Art und Weise. Prinzipiell gebe ich dir aber auch Recht. Überhaupt wäre es viel leichter, zu beobachten, ob jemand meine Meinung interessieren könnte oder ob jemand sich davon bereits gestört fühlen könnte, weil ich den Kontext falsch deute. Alles wie immer sehr komplex.

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