BITTE ERZIEHEN SIE WOANDERS WEITER!

Ausnahmslos jeder Elternteil hat es schon mindestens einmal erlebt: fremde oder nahestehende Menschen mischen sich in die Erziehung unserer Kinder ein. Ungefragt und ungeniert.

Vorneweg vielleicht noch zu erwähnen, ich mag das Wort Erziehung nicht, aber so lange es keine adäquate Bezeichnung für das was ich zum Ausdruck bringen möchte gibt, bleibt es der Einfachheit halber dabei. Der Deutsche zieht eben gerne an allem (Beziehung, Verziehen, Umziehen usw.).

Wieder zurück zum eigentlichen Thema.

Als junge Mutter ging ich einst mit dem Baby im Kinderwagen bei Ikea einkaufen. Irgendwann weinte mein Kind lauthals und eine mir fremde Dame drückte sich in den Kinderwagen. Sie empfahl mir, dem Kind doch etwas zu trinken zu geben, er sehe durstig aus. Mit zarten einundzwanzig war ich etwas eingeschüchtert und bedankte mich artig, wohlwissend, dass mein Kind jetzt einfach nur die Schnauze voll hatte von Einkaufsstress und müde war. Nicht besser, aber auch nicht unlösbar. Kommt bei jeder guten Familie vor.

Schon als ich schwanger war, schien jeder ein Anrecht darauf zu haben, meinen Bauch zu berühren und mir Tipps für die Zukunft mitgeben zu müssen. Einmal im Fahrstuhl (auch in einem Möbelgeschäft – Nestbau und so), tätschelte gleich eine ganze Meute fremder Menschen an mir herum. Jeder hatte ein paar Geschichten auf Lager, die uns werdenden Eltern das Fürchten lehren sollten. Im aussteigen, kam ein Renterpaar auf uns zu und sagte beschwichtigend, es würde alles schön und ganz wunderbar werden. „Nur Mut!“

Seit meine Kinder das Licht der Welt erblickten, ging es so weiter. Es heißt zwar immer, für das Großziehen (ha!) eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf, aber ob darunter verstanden werden darf, dass sich Omas und Opas, Schwiegereltern und Nachbarn ungebeten in alles einmischen können, stelle ich gerne in frage.

Da wird alles besser gewusst, Horrorszenarien heraufbeschworen, an dem Kind und der Mutter gekritelt usw.

Es gibt keinen Hinweis auf einen Mangel an Fähigkeiten, den ich nicht schon selbst oder im Freundeskreis gehört habe. „Halte das Kind doch so!“, „Er muss mehr essen!“, „Gibst du es wirklich schon in die Kita?“, „Ach komm, die paar Süßigkeiten schaden ja nicht!“, „Mehr Sport wäre aber gut.“, „Wenn du das und das kaufst, sparst du viel Zeit und Ärger…“ und vieles mehr.

Tipps die die eigene Kompetenz nicht nur in frage stellen, sondern gerade zu demütigende Züge annehmen. Unsicher und überfordert von all den Meinungen und Ideen, wissen manche gar nicht mehr ihrem eigenen Bauchgefühl zu trauen. Es wurde schlichtweg niedergesabbelt.

Vermutlich ist den Einmischern früher ähnliches passiert. Man gibt weiter, was man gelehrt wurde. Wer früher unterdrückt wurde, hat die Wahl es besser zu machen, nutzt aber genau diese Macht dann aus und setzt noch eine Schippe drauf.

Niemand ist unfehlbar. Auch nicht der Mensch am anderen Ende, der weder dich noch dein Kind kennt. Dahinter stecken meist gute Absichten und die schöne Idee Unterstützung zu bieten. Es handelt sich aber tatsächlich nur um Druck. Druck auf die Eltern und Druck auf das Kind. Fühlen sich Eltern dauerbeobachtet, wird das Kind schnell zum Störfaktor. Jetzt soll es im Bus eben brav stillsitzen und darf möglichst nicht schlecht auffallen, sonst wird ja ungefragt kritisiert und belehrt.

Eltern die sich aus diesen Fallen befreien wollen, landen nicht selten in der nächsten: sie gelten als undankbar und unhöflich. Hat man sich dazu durchgerungen den Mund aufzumachen, wird man oft mit Stirnrunzlern konfrontiert. Menschen die es nur gut meinen, können in ihrem Ego tiefe Kränkung erfahren.

Aber was hilft wirklich? Eltern wollen und brauchen ja auch mal Unterstützung.

Freundlich fragen, ob jemand Hilfe braucht, ist ein Anfang. Sich nicht durch jeden Kinderpups gestört zu fühlen, kann bei den Eltern große Erleichterung auslösen. Eltern machen lassen und checken, ob überhaupt Einbringung erwünscht ist.

Wenn ich meine Freundinnen und mich so beobachte, fällt auf, dass unsere Freundschaft und das stetige Miteinander dazu geführt hat, dass wir uns inzwischen als Mensch und Mütter so gut kennen, um die jeweiligen Gewohnheiten zu akzeptieren und zu respektieren.

Darf ein Kind bei meiner Freundin kein Eis essen, gebe ich meinen Kindern erst später eines. Ich frage auch, bevor ich etwas serviere oder erlaube, was dem Kind nachher von der Mutter ggf. in großer Mühe und Anstrengung entzogen werden muss. Es ist für mich ebenfalls selbstverständlich, dass ich weder mit dem anderen Kind zu motzen habe, wenn die Eltern mittels ihrer Erziehung ihren Job machen, noch zu überlegen, ob das was ich da sehe besser oder schlechter ist als das was ich da leiste.

Für fremde Menschen gilt das ebenso. Da erst recht. Weder fasse ich ungefragt in den Kinderwagen, noch an den Bauch. Weder habe ich zu urteilen wieso eine Frau am Handy sitzt, während das Kind gerade am Sitz des Vordermannes lutscht, noch habe ich zu urteilen, wieso manche Kinder um sieben Uhr abends im Haus Klavier üben. Es sind nicht meine Kinder und ich werde mich hüten ungefragt eine Bewertung abzuliefern.

Wer keine eigenen Kinder hat oder Kinder hat und weiß wie es sich anfühlt: lasst es. Lasst es einfach bleiben. Übt euch in Geduld und Gelassenheit, so wie wir es gezwungenermaßen auch ständig tun. Wir sehen und hören euch, wir sind dankbar über jedes Dorfmitglied, was uns helfen möchte, aber wir brauchen nicht zwangsläufig jeden Tipp, jeden Blick und jede Hand am Kind.

Es brauche ein Dorf, um ein Kind großzuziehen. Es braucht eine gute Therapie, um sich später nicht als komplett inkompetenten Elternteil zu fühlen.

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