DER MANN DER UNTER FERNWEH LEIDET

Einen Partner zu haben, der unter Umständen alle vier Tage seine Tasche packt und verreist, mal beruflich und oft privat, ist sehr anstrengend. Besonders für jemanden wie mich. Zwei Kinder und ein Vollzeitjob.

Ich reise auch sehr gerne, aber muss für jede Zugfahrt oder Flüge lange sparen. Mir bricht es weder das Herz andere wegfahren zu sehen, noch glaube ich, möchte der Mann mich immer dabei haben. Er leidet schrecklich unter Fernweh und nutzt alle Gelegenheiten sich davon zu machen.

So entsteht in unserer Beziehung sowas wie das ewige Frischverliebtheitsgefühl.

Eigentlich nett. Anderseits auch tief traumatisierend. Jedesmal lerne ich jemanden kennen. Am Flughafen, am Bahnhof, am Tag nach der Anreise. Ein Mann der mir vertraut ist und riecht und aussieht wie der Kerl mit dem ich offenbar zusammen bin. Dennoch, ein anderer, ein neuer Mann. Jemand der ohne mich andere Erfahrungen gesammelt hat und jemand dem ich immer neues erzählen kann, aus dem Alltag mit den Kindern oder dem anstrengenden Job. Er ist aber niemand, um sich abends ins Bett an seine Schulter zu lehnen und leise weinend zu sagen „Ich bin sehr müde und freue mich, dass du da bist.“. Er ist öfter weg als da, in letzter Zeit.

Und weil er so nicht fühlt, sondern eher die Tage zusammenrechnet, an denen er bei mir oder uns war, kommt ein Ungleichgewicht auf. Ein Gefühl der Fremde. Wer ist die andere Person da, die mich nicht versteht?

Manchmal möchte ich das Handtuch werfen und manchmal frage ich ihn laut, ob er das auch möchte. Er verneint. Manchmal wird er wütend auf mich, weil ich ihn nicht begreifen kann und alles was er möchte ist sein. Aber das möchte ich ja auch.

An einigen Tagen frage ich mich, ob es das wert ist auszusitzen oder ob es Zeit ist sich wieder voneinander zu lösen. Entfernt sind wir ja bereits.

Für mich ist eine Beziehung etwas sehr ernstes. Im leichtesten Sinne. Ich liebe den Alltag. Und ich liebe aus ihm herauszubrechen. Mich auf den Weg zu machen und wie eine Forscherin zu erkunden, wo unsere Grenzen liegen, wir uns erneuern müssen, wir Bedürfnisse ausloten und uns finden. Wem Beziehungspflege keinen Spaß macht, sollte im Prinzip lieber auf etwas anderes setzen. Affären. Liebschaften. Gerne in jeder Stadt eine.

Ich schätze das Kennenlernen des anderen. Seine Macken, seine Schrullen und seine Fähigkeiten. Hier lerne ich sie gerade auf die härteste Weise kennen. Eine Erfahrung die ich so aber nicht mehr machen wollte. Zwei Kinder später. Jetzt setze ich lieber auf Nähe. Ich brauche Schutz und Wärme. Keine aufregende Teenagerromantik.

Es ist nicht immer leicht erwachsen zu sein und der Weg, sich dem immer zu entziehen, ist mit Kindern härter als ohne. Ich habe mich einmal für diese Kinder und alle Konsequenzen entschieden. Für Schule und Kita, für Väter die mich nerven, für Theaterauftritte und Sportverein. Ich bereue es nicht. Er hat sich mal für uns entschieden. Für gelegentliche Besuche am Wochenende und abends unter der Woche. Für Legoburgen bauen und Kuchenessen am See.

Ich weiß nicht, ob sich diese Leben tatsächlich vereinbaren lassen und ob die Zukunft sagt wir sollten da jetzt durch. Ich weiß nicht, ob es einen gemeinsamen Weg gibt und nicht jemand anderes auf uns beide besser wirkt. Ich weiß, im Grunde passt es, aber der Grund ist tief und schwer erreichbar.

Fernweh ist eine schlimme Krankheit. Sie ist akzeptiert und geduldet. Sie ist romantisch und nachvollziehbar. Sie kann einer Alleinerziehenden nur nicht gerecht werden.

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