GEFÜHLT

Alles fühlen zu können, ständig, gleicht manchmal einem Albtraum.

In einem Raum jede Schwingung, sei sie noch so geringfügig, zu erspüren, kann mitunter sehr belastend sein.

Die schönsten Momente noch Jahre später nachfühlen zu können, ist unbeschreiblich.

Ich fühle verdammt viel. Gutes wie Schlechtes. Dabei kann ich mich oft nur in Bruchstücken an die eigentliche Situation oder Gesagtes erinnern, aber ich weiß noch, ob mir warm oder kalt war, ich müde oder glücklich gewesen bin und wie ich mich damals fühlte.

Die Geburt meiner Kinder nahm ich beispielsweise ganz anders wahr, als meine Umgebung. Mir wurde dieses und jenes erzählt und ich hatte mindestens drei verschiedene Versionen gehört. Ich weiß nur noch, wie ich mich fühlte. Wie ich diese Wesen auf die Welt presste und dachte „Das ist es also. So beginnt es. Unglaublich!“ Natürlich habe ich auch heftig gelitten und niemals mehr vergleichbare Schmerzen in meinem Unterleib gespürt (zum Glück!). Ich kann heute noch spüren, wo das Gefühl sitzt, wenn ich an die winzigen Ohren meiner Kinder zurückdenke. Eines hatte sogar kleine Haare darauf. Das Gefühl sitzt direkt unter der Brust.

Einmal saß ich in der Tram und es lag ein altes Stück Toast neben mir auf der Heizung. Der Duft löste heftige Gefühle des Vermissens aus. Mein großer Sohn roch als kleiner Junge am Kopf immer nach frischem Toastbrot.

Es gibt so Gedanken, da steigert sich mein Gefühl in etwas hinein. Kurz vor dem Erhalt einer Prüfungsnote oder auch, wenn ich auf Arbeit Mist gebaut habe und noch nicht weiß was die Konsequenz ist. Dabei zappeln meine Füße unweigerlich hin und her. Mein Darm spielt dann meist auch verrückt. Als ich Jahre lang im falschen Beruf festsaß, musste ich jeden Tag sechsmal auf die Toilette. Ich fühlte mich angespannt und unglaublich nervös.

Gefühle dieser Art zu haben, bedeutet auch schönes mitzuerleben. Wenn Freundinnen sich verlieben, liebe ich immer mit. Wenn jemand mir beschreibt wie er ein Stück Kuchen gegessen hat, wünsche ich mir manchmal eine langsame Schilderung dieser kurzen Banalität. Wenn meine Großmutter von früher schwärmt, als Opa noch lebte, sehe ich es in Gedanken so bunt und schön vor mir, dass meine Wangen anfangen zu glühen.

Manchmal leide ich leider zu stark mit anderen mit. Bekommt eines meiner Kinder Fieber, werde ich ebenfalls warm. Hat jemand im Raum Kopfschmerzen, kann ich mich einige Stunden später dazulegen. Je näher mir eine Person ist, umso schlimmer.

Der Ausspruch „try walking in my shoes“ ist für mich nicht nur eine Songzeile von Depeche Mode, sondern Realität. Gefühlt bin ich überall schon gewesen.

Ich habe mir oft Partner gesucht, die gerne reisen, weil ich die Welt mit zwei Kindern kaum gesehen habe. Wenn sie davon berichten, ist es, als sei ich dazu in der Lage mitzufliegen. Als kleines Mädchen, lag ich oft im Bett und konnte spüren, wie es abhob. Zur Decke und dann zum Fenster hinaus.

Schmerzen sind für mich neben Liebeskummer die unerträglichen Gefühle. Wenn meine Blase oder die Niere schmerzen, könnte ich mich einbuddeln. Ich reagiere dann auf alles gereizt, was mich zusätzlich belastet. Jetzt einen Gefallen tun oder arbeiten? Vergiss es! Ich kann nur noch fühlen wie das Brennen mir Gänsehaut bereitet, wie sich die Blase nach und nach auflöst in einen blutigen Strom aus Schmerz. Saurer Urin der Furchen in ihre Haut schlägt und meine Adern gefrieren lässt.

Liebeskummer war ebenso immer der schlimmste Schmerz. Ich fühle diese alte Liebe noch lange nach. Wie eine Ertrinkende, die sich an jede alte Erinnerung klammert, hole ich gedanklich all die schönen Gefühle von einst heraus. Ich kann in dieser Zeit gut und gerne sechs Kilo in einer Woche verlieren, weil meine Gefühle mich so sättigen.

Liebe fühlt sich für mich hingegen wie das Paradies an. Frische Liebe ist qualvoll süß und beängstigend sowieso. Ich liebe jemanden immer sehr rein und neu. Selbst wenn ich viele Beziehungen hatte, ist jede neue Liebe so lange schützenswert, bis sie mich verlassen hat. Ist sie weg? Nie ganz. Da ist diese Kammer im Herzen, die es unmöglich macht den anderen jemals zu vergessen.

Fühlen ist schön. Fühlen ist schrecklich. Wer so viel fühlt, kann alles und jeder sein. Wer alles fühlt, macht sich angreifbar und gleichzeitig größer, freier, lebendiger.

Ich liebe Gefühle.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s