FINDE DEN FEHLER

Es heißt immer wir seien eine leistungsorientierte Gesellschaft. Ich finde, wir sind eine fehlerorientierte Gesellschaft.

Es wird gemeckert und in Wunden gepult, bis einer weint.

Im Ernst, wie kann es sein, dass uns positive und schöne Sachen einfach weniger erwähnenswert erscheinen, als negative? Natürlich ist es hilfreich, wenn wir Fehler aufzeigen, um sie zu vermeiden oder etwas zu verbessern.

Dennoch, wir leben unsere Opferkultur gerne und erfreuen uns am Schmerz.

Neulich saß ich beispielsweise in einer Besprechung. Mein Chef hatte ein Frühstück vorbereitet und alle MitarbeiterInnen dazu eingeladen. Er wollte das anstrengende Jahr ausklingen lassen, indem er dazu aufrief positive und besondere Erlebnisse zu schildern. Erst war uns das komisch. Es wurde sich gewunden und lange überlegt. Irgendwann hatten wir einen Lauf, bis der letzte Kollege an der Reihe war.

Die Tränen im Knopfloch, weil einige Geschichten eben so anrührend waren, legte er los. Er wolle nichts beitragen, er sei sauer. Alles raunte. Und weil eben niemand den im Raum sitzenden Elefanten jetzt ignorieren konnte, ließen wir ihn erzählen. Eine Welle der Frustration entlud sich uns und mindestens sechs weitere Kollegen folgten seinem Ruf.

Als sich die Bombe im Raum stinkend und rauchend erhoben hatte, war kein Entrinnen mehr. Niemand war mehr in der Lage zu essen, geschweige in der Laune sich mit anderen zu unterhalten.

Anderes Beispiel. Ich folge auf Twitter einigen spannenden Persönlichkeiten. Alle haben so ihren Kummer und viele teilen ihre Freude.

Ab und an schleicht sich unter die Menschen einer dieser stets schlecht Gelaunten. Jemand der immer nur negatives erzählt. Scheinbar das Leid gepachtet und auf seinen Schultern schleppend. Diese Person geht noch nicht genug Menschen auf den Keks, um ignoriert zu werden, denn Motzen trifft einen Nerv.

In Zeiten in denen Politikverdrossenheit herrscht, weil Magazine Schlagzeilen sich besser verbreiten, als gute Nachrichten. Zeiten in denen Fehler nicht tolerierbar sind, weil Perfektion das Muss und die Norm sind.

Jeder kann sich heute als perfekt verkaufen. Als besonders intelligent, , humorvoll und eloquent. Als wissend und schön, fit und lebensfroh. Die Erwartungen an andere wachsen, selbst wenn die eigenen Unzulänglichkeiten bekannt sind. Sie werden nur einfach versucht zu überspielen. So hat jeder etwas davon. Man erhöht sich scheinbar kurzzeitig und macht sich damit unangreifbar.

Ist aber falsch gedacht. Wer Perfektion anstrebt und das gerade bei anderen, hat eine Null-Fehler-Toleranz bei anderen getriggert. Jeder wird nun darauf achten, ob der oder die andere sich immer fair, gut und richtig verhält. Ob alle schön besonnen und clever agieren und vielleicht auch noch auf jedem Foto aussehen wie neugeboren.

Positiv zu sein und ein positives Image zu verkaufen, sind zwei Paar Schuhe. Niemand ist immer positiv, schon klar. Wer sich aber hinstellt als Gottes Hand und Köpfchen, kann nur tief fallen.

Statt sich über alles und jeden aufzuregen, schönen und gut gelaufenen Erfahrungen keinen Wert beizumessen, macht die Gesellschaft krank.

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