ZEUGNISSE

Es ist wieder soweit. Unsere Kinder bekommen Zeugnisse. Und während der allgemeine Konsens sich darauf einigt, Noten seien wichtig und gute Noten der Eintritt in eine goldene Zukunft, gibt es zum Glück schon vereinzelt andere Ansichten.

Als Pädagogin und Mutter, möchte ich eine Lanze brechen für schlechte Zensuren. Ein gutes Zeugnis ist ohne Frage toll. Es verdient Anerkennung, denn dahinter kann eine Menge Arbeit stecken. In manchen Familien müssen die Kinder jeden Tag büffeln oder in anderen wirklich lange trainieren. Manchen Menschen fliegen gute Noten zu, weil sie einfach gerne lernen oder die große Begabung haben, ohne viel Stress zu sehr guten Ergebnissen zu gelangen. So ein Mensch bin ich. Während des Studiums und auch in der Schulzeit. Ich war und bin eine Selbstläuferin. Die meisten Themen interessieren mich, ich war eine Stubenhockerin und fand die ersten zehn Jahre einfach. In meiner Abiturzeit ging dann alles schon viel zäher von statten. Ich musste lernen zu lernen. Meine Familie war keine Hilfe.

Im Studium gehöre ich zu den Besten. Das Thema interessiert mich und ich stehe voll und ganz hinter dem was ich lernen muss. Hausaufgaben machen mir meist Spaß und die Nervosität bei Klausuren und in Prüfungen hält sich gerade noch so in Grenzen.

Mein großer Sohn ist da ganz anders geraten. Er komponiert eigene Songs auf dem Keyboard und hat sich selbst Klavier spielen beigebracht. Er malt viel, ist im Theater und kann sich alle Texte merken, was er auch muss, da er unter der LRS leidet. Er lernt gar nicht gerne. Themen die ihn interessieren, nimmt er sich spielerisch an, alles andere geht unter. Er hat Strategien gefunden, um dem Lernen zu entgehen, in dem er beispielsweise seine Hefte und Bücher im Schulgebäude vergisst oder sich Hausaufgaben nicht einträgt. Was Mama nicht weiß, macht sie nicht heiß. Die Quittung bekam er jetzt.

Ich war enttäuscht und traurig. Traurig für ihn, weil ich weiß was er erreichen kann und wie schwer es wird, ohne Abitur einmal seinen Wunschberuf in diesem Land zu erlernen.

Er ist elf und weiß noch nicht genau was er mal werden möchte. Ich wusste es mit 30 noch nicht und manchmal schwanke ich noch heute.

Dennoch, wenn ich sehe wie sehr sich Eltern quälen und wie egal den Kindern ihre Noten und Zeugnisse eigentlich sind, frage ich mich, wozu das alles?

Die Kinder gucken kurz auf ihr Zeugnis, zucken die Schultern, einige strahlen, nur wenige zeigen es herum. Dann gehen sie raus und haben Spaß mit ihren Freunden. Die bewerten sie nicht nach Noten. Sie fragen nicht und sorgen sich nicht. Kaum kommen die Eltern durch die Tore, geht das bewerten los:“Uuuuund, was hast duuuu?“ Wer da nicht glänzt, darf das jetzt die ganzen Ferien ausbaden.

Eltern vergleichen. Eltern zeigen die Zeugnisse in der Familie herum. Eltern fotografieren diese ungefragt ab und stellen sie online. Eltern sind nervtötend.

Unsere Kinder sind uns keine guten Ergebnisse schuldig. Weder wenn wir mit ihnen lernen, noch weil wir ihnen geholfen haben. Aber so fühlt es sich an. Wir haben die Bücher bezahlt und die Hefte gekauft. Wir rennen zu den Gesprächen und nehmen uns abends nochmal Zeit für die Mappe oder Mathematik. Wenn die Kinder dann scheinbar versagen, versagen auch wir.

So ist es aber nicht. Warum ein Kind nicht mitkommt oder kein Interesse hat, ist so vielschichtig wie das Kind selbst. Warum sollten alle genormt sein? Warum muss immer alles funktionieren? Zu Zeiten der Entschleunigung, trifft der Optimierungswahn besonders hart.

Ja, aber was denn nun? Wie wollen wir sein? Was wünschen wir uns tatsächlich für unsere Kinder?

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