UND TÄGLICH GRÜSST DAS SCHLECHTE GEWISSEN

Jeder kennt das doch, man meldet sich auf Arbeit krank und fühlt sich sofort schuldig. So wie früher, wenn man als Kind im Bett lag und die Mutter einen aus einer Mischung Besorgnis und Misstrauen beäugte. Der Chef bleibt freundlich, versichert mit vielen Genesungswünschen seine Zustimmung für diesen „freien Tag“ und man schleppt sich krank und schwer zur Hausärztin. So oder so ähnlich geht es mir jedesmal.

Nun bin ich als Alleinerziehende auch sehr viel häufiger krank als andere. In meinem Beruf sowieso, weil ich ständig mit Kindern, Eltern und KollegInnen zu tun habe, die sich gegenseitig anstecken. Magen-Darm-Saison, Grippezeit, selbst die Masern sind immer mal Thema.

Woher aber immer das schlechte Gewissen? Klar, da sind die Kollegen, die den Krankenstand ausgleichen müssen. Mache ich aber auch, wenn ich sie vertreten muss. Wo bleibt da deren schlechtes Gewissen?

Dann gibt es da noch dieses doofe Gefühl etwas zu verpassen. Ich habe immer Hummeln im Hintern und möchte arbeiten gehen. Krank zu sein, nimmt Lebensqualität. Statt bequem rumzusitzen, hängt man gebeugt über dem Klo oder einem Dampfbad. Migräne vereitelt sogar Netflix und Kaffee.

Wenn also alle Stricke reißen, ich mich für den Tag im Bett (und zu 30 Prozent Wartezimmer beim Arzt) entscheide, bin ich schon etwas hibbelig.

Bedenke ich jedoch, was ich generell für ein Mensch bin, muss ich mich nicht wundern. Ich habe ständig dieses schlechte Gewissen. Die Grille aus Pinocchio sitzt auf meiner Schulter, flüstert mir etwas ins Ohr und in der Regel lautet es „Du machst das falsch! Es geht noch besser!“.

Ob bei der Begleitung meiner Kinder (Das Gewissen hat mir verboten es Erziehung zu nennen), denen ich vergaß die Nägel zu schneiden, ein gesundes Frühstück zu bereiten, statt Joghurt und Vitaminbärchis aus der Drogerie. Deren Termine ich nur mit Mühe alle zusammenhalten kann: Arzt, Elterngespräche, Sommerfeste, Kuchenbasar, Geburtstagsfeier der Freunde, Theaterauftritt etc.

Dann greift das Gewissen außerdem immer wieder in Manifestation meiner Mutter um sich:“Kind, wie sieht es denn hier aus? Soll ich mal Fenster putzen kommen?“

Mein Gewissen zwickt auch manchmal in einer Jeans vor sich hin. Dann sagt es mir, der Sommer stünde ja auch nicht erst seit diesem Jahr vor der Tür und ich habe eigentlich Sport machen wollen, statt Eiweiß-Riegel essen. So what? Ich bin eben ein Mensch, mag man sich denken.

Es funktioniert nur nicht so leicht. All diese Kleinigkeiten zu überwinden, kostet Kraft und sollte voraussetzen, dass man autonom und gesund erzogen wurde. Wurde ich aber nicht. Ich bin sozialisiert worden wie die meisten Frauen. Nicht alle! Die meisten.

Ich wurde dazu angehalten mich zu pflegen, meine Wohnung in Schuss zu halten (was soll das eigentlich bedeuten?) und mich in allen Gebieten als Expertin zu behaupten. Selbst Fehler die ich mache, sollte ich möglichst weiblich machen. Kichern, mich schämen, mich entschuldigen. Frau zu sein, bedeutet oft nichts anderes, als lange demütig vor seinen Dämonen zu stehen und sich mit jeder Menge Glanz freizukaufen. Ob im Job, zu Hause oder in der Partnerschaft.

Natürlich gibt es auch Männer die so empfinden. Aber welche Mutter nimmt ihren Söhnen nicht liebend gerne alles ab: von den leidigen Aufgaben im Haushalt, über so banale Dinge, wie die Kindererziehung. Mütter geben Tipps, schenken Aufmerksamkeit, retten Ärsche.

Während da draußen irgendwo ein Mann denkt:“Wie kann ich das Problem nur lösen?“, wüsste eine Frau schon tausend Möglichkeiten, ist aber zu clever diese aufzuzeigen. Frauen bleiben stets subtil. Ihr Gewissen sagt ihnen, auch nach Jahrzehnten der Emanzipationsversuche, soll der Mann sich ruhig für den stärkeren und schlaueren halten.

So wird das nichts mit uns Menschen. Wir stehen uns im Weg.

Ein schlechtes Gewissen muss man m.M.n. nur haben, wenn man ein Verbrechen verübt hat. Nicht sowas harmloses wie das Containern. Eher sowas wie Doppelmord an Rentern. Ein schlechtes Gewissen sollte man haben, wenn man drei Wochen Diät gemacht hat, statt im Urlaub zu leben und zu genießen. Ein schlechtes Gewissen sollte man haben, wenn man sich selbst immer nur geißelt und andere damit im Grunde auch. Denn wer sich selbst nichts gestattet, gestattet es anderen wohlmöglich auch nicht. Ein Teufelskreis.

Wenn ich also wieder da sitze, auf meinem Klo und mich ärgere, gestern irgendwo angesteckt zu haben, sollte ich mir vorstellen, wie bescheuert es wäre alle Kollegen und Kolleginnen, die Kinder und Eltern anzustecken, statt zu erkennen, welchen Bärendienst ist ihnen erweise jetzt zu Hause lieber Netflix und Zwieback zu konsumieren.

Ein Kommentar zu „UND TÄGLICH GRÜSST DAS SCHLECHTE GEWISSEN

  1. Richtig so! Genau meine Einstellung. Und ich habe auch Nerven gelassen, bis ich soweit war. Wenn Deine Mutter Dir anbietet, Fenster putzen zu kommen… Danke Mama! Wäre lieb von Dir! Wann?
    Leider bietet mir das meine nicht mehr an. Aber ich habe mich auch inzwischen von „Missis Perfectus“ zu „Missis so what“ gewandelt. Wen etwas in meiner Bude stört, dem zeige ich gerne wo die Putzeimer stehen. In meiner Wohnung vom Boden essen zu können, ist bei 3 Hunden eh eine Unmöglichkeit, also genieße ich das Ganze lieber am manchmal sehr unaufgeräumten Esstisch. Ich lebe zuhause und sonst nur GöGa und meine 3 Vierbeiner. Der Rest kommt selten genug zu Besuch und dann reicht es immer noch, einmal klar Schiff zu machen. An Tagen wo es mich selbst zu sehr stört, beseitige ich was zu beseitigen ist und gut isset.
    Krankenstand und schlechtes Gewissen – da hat die Öffentlichkeit genug zu beigetragen. Vor allem die nachgewiesenen Blaumacher. Ein Hauch Kopfweh im Sommer am Morgen, mutiert dann einfach zur Migräne, die man im kühlen See des Baggerlochs ertränken kann, zusammen mit dem Bier dazu. So fühlen sich echte Kranke dann doppelt mies, weil sie automatisch das Gefühl haben, dort einsortiert zu werden.
    Wie oft Mütter krank werden bekomme ich bei einer Freundin mit. Furchtbar, was man als Erwachsener so alles nochmal bekommen kann. Dank meiner Neffen hatte ich auch das zweifelhafte Vergnügen einer 2. Windpockensaison!
    Also genieße Netflix und die Couch, solange Du nicht Deinen Thron umarmen musst und gute Besserung. Und zum Thema Sauberkeit ein schöner Spruch: Aus Staub sind wir geboren und zu Staub kehren wir zurück. Das ist der Grund, weshalb ich nicht staubwische, es könnte ja jemand sein, den ich kenne… ;D

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