NIEMAND SCHENKT DIR EIN PONY, KARL

Hach, wie schade. Auch diesmal habe ich nicht den Eurojackpot geknackt, um Millionärin zu werden und nur noch ehrenamtlich meiner Arbeit für gute Zwecke nachzugehen.

Leider habe ich auch den angestrebten Zweitjob nicht erhalten, den ich bei meinem ehemaligen Arbeitgeber angefragt hatte (Home-Office geht eben scheinbar doch nicht überall).

Ein Projekt an dem ich derzeit nebenbei arbeite, welches mir ggf. irgendwann etwas zusätzlich Geld auf’s Konto spült, hängt noch in der Warteschleife, weil nebenbei eben nebenbei bedeutet.

Klamotten im Internet zu verkaufen, scheint auch schwerer zu werden, weshalb ich Kleiderkreisel aufgab und im Übermut alles auf eBay an Bedürftige verschenkt habe.

Sagen wir es wie es ist. Ich bin kein sehr erfolgsverwöhnter Mensch. Niemand schenkt mir ein Pony. Das ist schon okay- ich mag gar keine Pferde.

Dennoch, klar, es könnte immer mehr geben und ich versuche noch herauszufinden, wie ich meinen tatsächlich Job (der immerhin neun Stunden pro Tag frisst) mit meinen Kindern (Alleinerziehende) und meinem Pädagogikstudium (viele Hausaufgaben) unter einen Hut bringe. Bis hierhin steht alles. Nur wie es andere Alleinerziehende wuppen, sich zwei Jobs zu nehmen, ist mir ein Rätsel. Schlafen die Kinder nachts, während Mama sich aus dem Haus schleicht? Verkaufen sie ihre Körper online oder offline? Sind sie auf einen Weg gestoßen, der mir noch nicht bekannt ist?

Als selbstständige und selbstdenkende Frau und Mutter, probiere auch ich jeden Weg, um uns über Wasser zu halten. Sparen, Versicherungen abschließen für Notfälle, nur geringfügig Geld ausgeben, ab und an bei den Großeltern schnorren. Alles was ich online schon verkaufen wollte, abgesehen von meinen Nieren oder Eizellen, scheiterte. Alles was ich an Zeit aufbringen kann, investiere ich in das kleine Bisschen Sozialleben, welches mir und den Kids die Teilhabe nicht komplett unmöglich macht. Ich habe es sogar vor einem Jahr geschafft an den kinderfreien Tagen um mein Leben zu daten, damit mich die Liebe nicht nur findet, sondern auch behält. Ein Unterfangen, welches nicht jeder/m Alleinerziehenden vergönnt ist.

Am liebsten würde ich sagen: lieber Staat, ich zahle Steuern und ich habe Verwaltungsrecht und Haushaltsrecht studiert, weiß also um deine Mühen, Prioritäten und Abläufe. Aber das Geld reicht für die meisten von hinten und vorne nicht und du bist jetzt dran! Ändere dich!

Der Staat könnte antworten:“Hast du schon Wohngeld, eine Aufstockung des Kindergeldes, Hartz4 oder Steuervergünstigungen beantragt?“ Und ich könnte sagen:“Hin und wieder, von dir kamen aber oft Absagen oder nervtötend lange Brieffreundschaften zur jeweiligen Behörde entsponnen sich…“, mach ich aber nicht.

Und so liegt man trotz eines Vollzeitjobs, trotz aller Ambitionen und dem unbedingten Willen niemandem auf der Tasche zu liegen (außer ab und an Oma), einfach immer daneben. Die Miete wird teurer, mein Wohnraum aber nicht unbedingt schöner. Die Betriebskosten steigen, obwohl ich mir sicher bin in Zeiten der Jahrhundertsommer müssten sie sinken. Einen Luxus wie Auto oder Milchkaffee am Morgen, habe ich längst abgeschrieben. Das System hat versagt.

Wir befinden uns eigentlich wieder im tiefsten Mittelalter. Wer in die falsche Familie geboren wurde, kommt aus seinem Stand nur sehr beschwerlich von selbst heraus. Mit dem Unterschied, dass man heute kaum noch etwas Land und einen Bretterschuppen erbt, sondern mittellos bleibt. Mit dem Unterschied, dass Frauen heute häufiger alleine ihre Kinder großziehen, statt in einer Partnerschaft. Mit dem Unterschied, dass alle Menschen arbeiten gehen sollen und ihnen das als Lifestyle verkauft wurde. Work/Life-Balance. Alles was ich balancieren kann, sind Sorgen und Ängste.

In einer Gesellschaft, in der über Jahre das Studium zum einzig wahren Weg erklärt wurde, weil man anschließend mehr Geld verdienen würde, haben die wenigen HandwerkerInnen es geschafft sich ihren Verdienst aussuchen zu können. In einer Gesellschaft, in der alle Abitur haben sollten und niemand mehr weiß wie man anpackt, können sich VermieterInnen aussuchen wie teuer sie die Betriebskosten ausrichten wollen, denn die Putzkraft und der Gärtner, der Hausmeister und DachdeckerIn kosten jetzt doppelt so viel, wenn sie denn zeitlich noch Kapazitäten haben. In einer Gesellschaft, in der zwar gesehen wird, dass es keine Pädagogen mehr gibt, aber die Konsequenz nur heißt: Abwarten. Eine Gesellschaft in der VideospieldesignerInnen zu Hauf ausgebildet werden, aber keine Bäcker und Bauern mehr. In der die Städte überfüllt sind, die Lebensmittel weggeworfen werden und Konsum vor Menschlichkeit steht. Eine Gesellschaft, in der man gar nicht mehr weiß wofür man zuerst streiken soll. Die hohen Steuern, die in Touristenorte fließen, aber den Ausbau einer guten Infrastruktur auf dem Land vermissen lassen? Gegen Senkung des Unterhalts, weil das Kindergeld angehoben wurde? Gegen Gehälter von FußballerInnen und Medienvertretern, während Pflegepersonal und Ärzte vor die Hunde gehen? Eine Gesellschaft die sich sozial, gerecht und demokratisch nennt, ihre gewählten VertreterInnen aber nach wie vor eher auf Lobbyarbeit setzen und bei großen Unternehmen jedes Auge zu drücken, ach was, es sich mit der Gabel ausstechen würden.

Ich werde kein Pony bekommen und auch kein größeres Stück Kuchen. Wir werden alle nur bekommen, was uns nach der Geburt zugesprochen wurde. Wir werden unseren Kindern vermitteln, sie können alles werden was sie sein wollen und hoffen sie wollen Bankangestellte oder Anwälte werden.

In diesen Zeiten würde ich gerne weniger sozial, weniger bedürftig und weniger angespannt sein. Es ist mir aber nicht möglich.

Und so schaue ich weiter nach einem Nebenjob, neben dem Hauptjob (wofür es in meinem Handy nicht einmal ein Wort gab), neben dem Studium und den Kindern und hoffe, nein bete (einzige Möglichkeit die ich noch nicht ausprobiert habe), meine Zukunft bleibt mindestens stabil.

Ich mag nicht gut genug für ein Pony sein, aber ich bin zu großartig für ein Leben auf der Straße.

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