WER’S FINDET, DARF’S BEHALTEN

Manch einer sucht sein Leben lang, andere werden schnell fündig. Sich selbst zu finden, zu wissen wer man ist, wissen wohin man möchte, Ziele haben und tatsächlich verfolgen und sich von anderen nicht mehr abhängig zu fühlen. Alles große Nummern für Menschen wie mich.

Ich war lange sehr abhängig. Von der Liebe und Anerkennung meiner Familie, von der Liebe und Anerkennung meiner Partner und dann Kinder. Ich wollte auf Arbeit möglichst alles richtig machen und gerne auch durchweg nur positiv auffallen, wenn schon überhaupt aufzufallen.

Kritik fand ich belastend. Harmonie war mir angeblich wichtig. Meinen Körper verkaufte ich an jeden der ihn sich nahm (metaphorisch!).

Alle konnten zu mir eine Meinung haben und allen Meinungen versuchte ich gerecht zu werden. Oftmals war ich dann wütend, verzweifelt und traurig. Am häufigsten aber erschöpft.

Inzwischen ist es etwas anders.

Vor zwei Jahren, ich war gerade 30 geworden, veränderte sich etwas in mir. Noch nicht formvollendet, aber es begann als schleichender Prozess.

Damals wollte ich eigentlich immer studieren und nochmal etwas anderes werden. Mein Bürojob machte mich nicht glücklich und ich taumelte von Stelle zu Stelle. Immer wieder gab es Bestnoten und Empfehlungen. Wenn es also nicht an meinen Fähigkeiten scheiterte, woran dann?

Irgendwann begann ich ehrenamtlich zu arbeiten. Zwei Kinder, eins davon fast Baby und eins davon sehr aufreibend, machten mich nicht satt. Ich arbeitete an den Wochenenden in einem Altenheim. Zusätzlich ging ich zum Sport, hatte eine Affäre und suchte schon nach Möglichkeiten Patenmutter in einem Kinderdorf zu werden. Nichts half.

Ich trennte mich schließlich von meinem Partner. Ich nahm eine Auszeit und besann mich. Wer bin ich? Wo möchte ich hin?

Mein Leben war bis hierhin gründlich fremdbestimmt. Meine Eltern waren bis zum Abi mächtig stolz auf ihren Selbstläufer gewesen. Nie pubertierend, nie rebellisch. Später aber oft gepeinigt von Krankheiten und Depressionen. Ich machte Diäten, hungerte, fraß. Ich bekam Kinder und lernte, brach ab, lernte, brach ab.

Es war klar zu erkennen: etwas ging schief. Also begann ich nachzudenken. War ich die, die ich vorgab zu sein?

Ich wollte Mutter sein, aber ich wurde es sehr früh. Ich wollte eine Partnerschaft und Liebe, aber mein Partner war lieblos und machte mich unglücklich. Ich wollte unabhängig sein und Geld verdienen, aber eine Karriere war mir gar nicht wichtig.

Als ich das Büro verließ, mich arbeitslos meldete, mir Studiengänge ansah und Kartons packte, spürte ich mich zum ersten Mal selbst. Da war dieses Wohlgefühl. Hier fängt was Großes an!

Eines Morgens war auch die Wut und die Trauer verflogen. Über Jahre war ich sauer auf meine Mutter. Ich lebte es nie aus, aber tief in mir war jede Begegnung ein Krampf.

Ich gestand ihr meine Gefühle und der Bann war gebrochen.

Ich verließ meine Sicherheit und meinen Alltag. Begann neu.

Aus meinen braunen Haaren, wurden blonde. Ein Piercing, welches ich bereits seit fünfzehn Jahren wollte, ließ ich mir einfach stechen. Man kann sagen, ich durchlebte wohl endlich die Pubertät, aber das war viel mehr.

Ich suchte mir eine neue Arbeitsstelle. Im Sozialwesen. Es war anstrengend und doch genau das was mir liegt. Vorher hatte ich nie eine offene Meinung. Ich saß im Büro und blieb stumm. Alle mochten mich, in den Pausen gingen wir essen und lachten, aber während der Arbeit wirkte ich unsicher und devot. Ich kam mir fehl am Platz vor. Als würde der Betrug eines Tages auffallen.

Dort, an der neuen Arbeitsstelle, blühte ich auf. Ich lachte und redete. Ich konnte etwas. Ich bringe mich ein und kämpfe, für mich und die Kinder. Ich bin nervig und sehr anstrengend, wenn ich anderen den Finger in die Wunde lege, aber mein Rat ist oft gefragt und man schätzt Engagement.

Zu Hause bin ich mit zwei Kindern die Königin. Wir lieben uns und meistern das alles toll. Es gibt viele Baustellen und wir kommen da immer durch. Oft ist es stressig so alleine, aber es ist mein Leben, selbstbestimmt und gut wie es ist.

Klar, mehr Geld ginge immer. Klar, ein Partner mit dem ich die Kids gemeinsam großziehen kann, wäre ein netter Traum. Dennoch…hier bin ich. Ich habe mich gefunden, unter einem Haufen Verpflichtungen, Bedürfnissen anderer und Ideen wie mein eigenes Leben aussehen könnte. Ich weiß wie es aussehen wird. Nicht wie sie es sehen, sondern wie ich es begreife.

Wachstum endet bei mir mit dem Tod

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