WIE MAN ÜBERLEBT

Ein sehr intimes, sehr persönliches Thema. Ein eigentlich stilles und unangenehmes noch dazu. Missbrauch.

Es gibt ihn auf viele Arten.

Körperlich. Emotional. Psychisch.

Manch einer missbraucht Vertrauen auf jede erdenkliche Weise, indem er den anderen ausnutzt, ruiniert, schikaniert, manipuliert.

Missbrauch hinterlässt immer Spuren. Diese feinen Wunden auf der Seele. Sie gehen weitaus tiefer als alle Kratzer auf der Haut oder das Loch im Konto. Das Selbstvertrauen wird erschüttert, weil das Vertrauen im anderen befleckt wurde.

Als Kind wurde ich über viele Jahre missbraucht. Körperlich und psychisch. Gerade die psychischen Spiele des anderen setzten mir zu. Über Jahre hatte ich ein ambivalentes Verhältnis zu mir, meinem Körper, meiner Umwelt, zu Männern und Menschen. Die Welt schien mir gefährlich und ich war verkehrt. Ich nannte mich einen Außerirdischen, der versehentlich hier abgeworfen wurde. Manchmal wünschte ich mir, mit dem Kopf so fest gegen eine Wand zu schlagen, dass all meine Erinnerungen einfach ausgelöscht würden. Ich wollte vergessen, um neu anzufangen.

Mein Problem waren ja gar nicht all diese Erinnerungen. Ich hatte nur diese eine Kindheit und Kinder denken oft, was ihnen da passiert, sei normal. Sie vergleichen sich erst spät mit anderen und stellen fest, da ist gar nichts normal.

Schlimmer war die Feststellung, dass ich nicht wusste wie ich eine wertvolle und selbstbewusste Wahrnehmung erlangen kann. Ich konnte mich schlicht und einfach nicht einschätzen. Ich kannte mich nur als Opfer, als Kämpferin und als Abhängige.

Als mein erstes Kind geboren wurde, bekam ich Angstattacken. Wie erzieht man Kinder, wenn man nur weiß wie man sie auf keinen Fall großziehen darf? Nicht schlagend, nicht berührend an Stellen an denen man einfach niemanden ungefragt berührt, nicht in Hass oder mit Manipulation. Ich wusste es nicht. Und so starb in mir eine ganze Weile ein Teil meines Selbstbewusstseins.

Jahre lang befand ich mich in Therapien. Ich dachte daran aufzugeben. Meine Beziehungen gingen zu Bruch, weil ich zwischen dem Wunsch nach Autonomie bei gleicher Abhängigkeit wahnsinnig wurde. Immer wieder ließ ich mich von Partnern demütigen und brach Beziehungen ab, wenn ich es endlich selbst merkte. Einmal hatte einer mich körperlich arg zugerichtet. In dieser Nacht rannte ich weg und kam nie wieder. So wollte ich nicht sein. Wie meine Mutter.

Ich brauchte eine weitere schreckliche Beziehung voller Demütigungen, in Angst lebend alles richtig machen zu wollen. In Abhängigkeit. Ich befand mich in meiner eigenen Zeitschleife.

Diesen Mann zu verlassen, kostete mich Kraft und Geld. Es kostet mich heute noch Energie, weil die Früchte unserer kurzen Nähe noch keine vier Jahre alt sind.

Wenn er mich heute versucht zu manipulieren, dann zucke ich kurz zusammen. Mein altes Ich, das Kind in mir, kennt diese Spiele und die Wege sich zwischen totstellen und devot sein zu entscheiden.

Wenn ich diese Bauchschmerzen dann überwunden habe, gehe ich weiter. Ich weiß jetzt wie ich meine Kinder begleite. Ich stehe auf für andere Frauen in dieser Situation. Ich begleite andere Kinder und Jugendliche durch ihre Täler und hoffe sie Berge erklimmen zu lassen.

Menschen die an anderen Missbrauch vollziehen, können den anderen emotional töten. Sie können Wunden hinterlassen die immer wieder aufreißen. Es gibt Menschen die schaffen es nicht aus diesem Kreislauf, die zerbrechen. Es gibt Menschen die schaffen es mal und fallen zurück. Es gibt Menschen die wachsen heraus und werden nie wieder klein. All diese Menschen gibt es und all diese Menschen sind nicht verantwortlich für das was mit ihnen geschehen ist.

Wenn jemand einen missbraucht, entscheidet sich der Mensch dafür ein Leben zu zerstören. Ob ein ganzes oder einen Teil. Ob ein jetziges oder ein ewiges.

Ein Opfer wird nie vergessen und es wird vielleicht nie verwinden. Es wird entscheiden, ob es damit umgehen kann oder nicht und niemand hat ein Recht darüber zu urteilen.

Wenn ein Mensch Missbrauch überlebt, dann ist dieser Mensch nicht stärker oder schwächer als andere. Vielleicht glücklicher oder auch nicht.

Dieser Mensch ist ein Mensch geblieben und kein Geist und ich wünsche mir sehr, dass dieser Mensch andere Menschen inspiriert, durch Täler trägt und die Kraft findet groß zu wachsen.

(An mein inneres Kind, welches nicht geschützt werden konnte, aber mir voll stolz zusehen kann, wie ich andere beschütze)

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