DIE EINSAME WÖLFIN

Im Internet tummeln sich ja oft ganz besondere Gestalten. Manchmal scheint es online, als sei der Marktplatz der Eitelkeiten immer geöffnet. Abends ist es sogar voller als vormittags. Sie kommunizieren sich erst in den Rausch und dann in den Schlaf. Zwischen der Beantwortung von zehn DMs, acht Kommentaren und drei Chats, vibriert das Smartphone, die Werbung ploppt hoch, man erwirbt sich schnell auf Amazon ein schönes Kleidchen und eine vermutlich nur dreimal zu nutzende Smoothiemaschine. Es kracht und knackt und schnarrt.

Im Internet kann jeder sein wie er möchte oder schon immer war, aber von der Umwelt nie sein gelassen wurde. Jemand ist hier Heldin für eine ganze Generation von Feministinnen. Einer ist großer Frauenkenner, obwohl er in der Realität vielleicht ein Hemd sein mag.

Online ist jeder ein Experte, wo sonst niemand zuhören würde. Politisch engagiert, mutig, trotzig und manchmal echt witzig. In der Realität bekommt dieser jemand wohlmöglich die Zähne nicht auseinander und an spontane Äußerungen, gar Schlagfertigkeit, ist nicht zu denken.

Und sind die Fotos nicht alle besonders hübsch? Diese Lippen, diese Beine, diese Muskeln, diese Maske.

Alle können sein wie sie sein wollen.

Deshalb fällt es schwer, das Internet wieder zu verlassen. Sich einer Realität zu stellen, die einem nicht gerecht wird. Dort ist alles krümelig, staubig, anstrengend.

Dort ist man eine/r von vielen.

Die sogenannte einsame Wölfin streift besonders gerne über den Marktplatz. Sie stellt sich als taffe Mutter, harte Businessfrau, lustige Freundin oder intellektuelle Powerfrau dar. Sie hat eine kleine Schar AnhängerInnen um sich und lässt sich bestätigen. „Du bist so schön! (Zumindest was ich hier so sehe)“. „Du triffst den Nagel immer auf den Kopf! (Zwar wiedersprechen sich deine Posts ständig, aber wer ist schon kleinlich?)“. Usw.

Die einsame Wölfin hat ein hartes Leben hinter sich. Ab und an blitzt es durch. Dann ist die Fassade undicht. Es bröckelt an ihrem Image und das ist auch gut. Macht es authentischer und damit sympathisch. Dass sie in ihrem realen Leben kaum echte Begegnungen hat, Freunde findet oder eine Partnerschaft länger hält, wundert sie. Im Internet mögen sie doch alle. Im Internet ist sie der Star.

In der Realität zwischen Arbeit, eventuell Kindern und ihrem Weg zum Supermarkt, bleibt kein Platz für reale Begegnungen. Oder für echte Gefühle. Gefühle im Internet sind auch echt. Sie berühren, schmeicheln und halten kurzzeitig warm. Wir saugen sie auf wie ein Schwamm. Zu blöd nur, dass sie süchtig machen und nicht genügen.

Im Internet möchte die Wölfin möglichst viel positiven Zuspruch. Ihre Toleranz gegenüber Kritik nimmt ab, mit zunehmend positiver Bestätigung. Ein negativer Satz lässt sich hier auch schlechter ignorieren. Alle können es verfolgen. Jeder könnte mitmischen. Auf der Straße würde das selten passieren. Dort ist alles anonym und gleichzeitig viel näher.

Hier, online, ist die einsame Wölfin ein Produkt ihrer Wirklichkeit. Eine ätzende, langweilige Brühe. Ein stressiger und nahezu ewiger Kreislauf. Das Hamsterrad.

Sie kommt schon auf dem Heimweg in Versuchung sich durch ihre Kanäle zu graben, auf der Suche nach einem Kompliment, einer positiven Nachricht oder einem neuen Gesicht. Sie wischt Männerherzen nach links und rechts und sortiert gute und schlechte Eindrücke. Zu Hause wird sich ein Tee gekocht und onlinewirksam gepostet.

Ihr Einfluss im wahren Leben ist eher gering. Sie hat wenig zu sagen. Sie ist die Masse, auch wenn in ihr so viel schlummert. Da ist ihr Talent Sätze zu bilden. Bissige Kommentare. Lustige Anekdoten.

Sie kann sich auf Fotos aussehen lassen wie ein Supermodel und ihre Beine bestehen jeden Instagramfilter.

Sie ist belesen und kann innerhalb weniger Sekunden oberflächlich Informationen über Weltgeschehen und aktuelle Lage einholen. Ihre Meinung ist gefragt. Sie ist auf Zack.

Online ist sie flirty, wenn sie es möchte. Ihr Lächeln liest sich.

Wäre die Realität wie das Internet, wäre ihr Leben bunt und laut und sehr aufgesetzt. Ständig müsste sie verfügbar sein, sich schminken, ihrem Ideal entsprechend. Sie würde sich häufig verteidigen müssen:“Wieso hast du zugenommen? Sagtest du nicht vor zwei Jahren noch ’no excuses‘?“ Sie könnte sich vor Liebhabern kaum retten, was zu vielen Konflikten führen würde usw.

Internet hebt seine DarstellerInnen hoch, wenn sie die richtigen Knöpfe drücken und lässt sie wieder fallen. Jeder kann kurz Berühmtheit spielen und sich sonnen im Erfolg. Es braucht weder besonderes Talent, noch gibt es einen Prüfstand. KritikerInnen verschwinden genau so schnell wie sie kamen. Man kann sich verwandeln, wenn es an der Zeit ist und keiner wird es merken.

Internet vergisst nicht, aber InternetnutzerInnen schon. Der Marktplatz behält seine BesucherInnen, aber sie tragen immer neue Gewänder.

Die einsame Wölfin behauptet wohlmöglich, das sei alles nicht real und ihr wahres Leben würde sowieso mehr Raum einnehmen. Aber sie irrt. Ihr wahres Leben bekommt nur noch wenig und sehr untergeordnet Platz. Auf Arbeit, in der Bahn, im Park, auf der Terrasse, in der Badewanne, im Restaurant, bei einem Date, wartend, sitzend, liegend und so weiter….das Internet ist deine Realität.

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